Vox Solis

Vox Solis ist eine Fortsetzungsgeschichte in der Welt von Paradogma.

Eigentlich entsteht die Erzählung in Form eines WeBlogs an anderer Stelle und wird hier nur aktualisiert, wenn ein weiteres Kapitel abgeschlossen ist. Wer also die aktuelle Version lesen möchte, findet diese unter voxsolis.blogspot.com.

Inhalt

 

1 Von der Brücke in den Fluss

2 Lady in Black

3 Sonstige Besuche

4 Verschlungene Wege

5 Brückenschläge

6 Andererseits

7 Fragestunde

8 Untertöne

 

 

Creative Commons License

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-Noncommercial-Share Alike 2.0 Germany License.

 

1 Von der Brücke in den Fluss

Mit einem abfälligen Geräusch löste sich der Speichel von Finns Lippen und mischte sich als einer von vielen unter die Legion der Regentropfen, die an diesem grauen Märznachmittag aus den Wolken über der Stadt quollen. Verdrießlich sah Finn Steinmeier ihm hinterher und grübelte vor sich hin. Im Grunde genommen war es ihm doch ergangen, wie diesem Tropfen Spucke. Die normale Gesellschaft hatte ihn ausgespieen und nun stürzte er als ein von allen unbeachteter, namen- und gesichtsloser Penner auf der Straße einem unbestimmten Schicksal entgegen und warum das alles? Weil er sich in einem völlig umnachteten Moment eingebildet hatte, eine Frau (eine Frau!) nicht wieder vergessen zu wollen. Mittlerweile war ihm klar, dass er damals keinen Schimmer über die Tragweite seiner Entscheidung hatte - keinen blassen Schimmer. Wo sollte das alles noch hinführen. Just als seine Gedanken diesen Punkt erreicht hatten, traf der Speicheltropfen auf die Wasseroberfläche des Flusses und verging in einem unhörbar leisen Klatschen. Finn kniff schmerzhaft die Augen zusammen und wandte sich um.

Um ihn herum herrschte mäßig reges Treiben auf der Neuen Schlosserbrücke, der teilweise überdachten Fußgängerbrücke, die Burg- und Altstadt von Durnburg verband. Menschen hasteten an ihm vorbei, eilten sich, noch ein bestimmtes Geschäft in der Altstadt rechtzeitig vor Ladenschluss zu erreichen oder einen Termin mit einem mehr oder weniger lieben Menschen einzuhalten. Niemand schien Finn wahrzunehmen oder sich daran zu stören, dass er es sich auf dem Schoß einer stählernen Skulptur bequem gemacht hatte, die die Mitte der westlichen Brückenseite verzierte. Erneut verzog sich sein Gesicht zu einer sarkastischen Grimasse - wahrscheinlich hätte er sich ausziehen und nackt auf der Statue (der Abbildung einer matronenhaften mittelalterlich anmutenden Wäscherin) tanzen können, ohne dass irgendjemand Notiz davon genommen hätte. Sogar eine in Anbetracht des Ortes (und seiner Stimmung) irgendwie naheliegende Selbstmorddrohung wäre wohl ungehört verhallt seit sich der "Schleier" zwischen ihn und die normale Welt gelegt hatte.

Der Schleier, das Kainsmal all derjenigen Personen, Wesen, Dinge und Ereignisse, die zu einem Teil jener paranormalen Schattenwelt geworden waren, die sich als "Grenzland" oder einfach nur "die Grenze" bezeichnete. Wer sich einmal "hinter dem Schleier" befand - also nicht auf der Seite der normalen Welt - weil er sich nicht an deren engstirnige Regeln und Naturgesetze gehalten hatte, der wurde fortan von der normalen Welt und deren Einwohnern mit Missachtung gestraft. Bekannte ignorierten einen Grenzbewohner auf einmal, Freunde erkannten ihn vielleicht erst nach gutem Zureden wieder und sogar enge Verwandte mussten kurz grübeln, bevor sie einem Gesicht wieder einen Namen und eine Geschichte zuordnen konnten. Damit aber nicht genug ging der Effekt des Schleiers weit über einfache psychologische Auswirkungen hinaus: Kreditkarten, Bankkonten, Mitgliedschaften, Verträge - all das verlor für einen Menschen hinter dem Schleier jegliche Gültigkeit, wenn die normale Welt ihn aus ihrem System verdrängen wollte. Ein Grenzgänger zu sein bedeutete, von der Normalität und der Gesellschaft ausgestoßen zu werden.

Finns Karriere als Ausgestoßener hatte einen ziemlich steilen Verlauf genommen - in Abwärtsrichtung. Während er als Schauspieler in ein paar Fernsehserien und -filmen früher doch ein gewisses Maß an Bekanntheit und Prominenz genossen hatte, hatte sich all das nach seinem Eintritt in die Halbwelt der Grenze aufgelöst wie (Finn sinnierte kurz über einen passenden Vergleich) ... ein Tropfen Spucke in einem Fluss. Niemand kannte ihn mehr, niemand konnte sich mehr an irgendwelche Filme oder Sendungen mit ihm erinnern und an ein neues Engagement brauchte er gar nicht mehr erst zu denken - sein Agent vergaß ihn jedesmal aufs Neue, sobald er dessen Büro verlassen hatte. Damit nicht genug: bei erneuter Durchsicht seiner Filme - mit einer Flasche billigem Wein und Gedanken an die gute alte Zeit - war ihm aufgefallen, dass sogar die Szenen mit ihm irgendwie kürzer und unwichtiger für die Handlung geworden waren!

Allerdings war seine ausgelöschte Popularität zunächst sein geringstes Problem gewesen, da er erst einmal genug damit zu tun gehabt hatte, den plötzlich problematisch gewordenen Alltag zu meistern. Wer kommt schon darauf, dass man sich regelmäßig bei seinem Vermieter ins Gedächtnis rufen muss, um nicht bald feststellen zu dürfen, dass neue Mietinteressenten durch die vermeintlich leerstehenden Wohnung geführt werden wollen? Was tut man, wenn man sich nicht sicher sein kann, dass seine Bankkonten, Versicherungen am Tag darauf noch existieren oder "jemals existiert haben"? Nicht zuletzt: Woher kriegt man Geld für das tägliche Überleben, wenn weder Arbeit noch der sichere Sturz ins soziale Netz möglich ist?

Als ob diese plötzlich problematischen Selbstverständlichkeiten nicht genug wären gab es dann auch noch neue Gefahren und Probleme, die das Leben an der Grenze mit sich brachte. Kein normaler Mensch musste sich Sorgen über die "Raubtiere" des Grenzlandes machen. Ein Grenzgänger hingegen war plötzlich "Beute" für solche Wesen wie Vampire, Schattenwölfe, Leibräuber, Trolle und andere Kreaturen, die Finn noch vor ein paar Monaten nur als Figuren aus mehr oder weniger schlechten Horror- und Fantasyfilmen kannte.

Unwillkürlich wandte Finn bei dem Gedanken an Trolle seinen Blick suchend nach links zum Westufer. Auch die Neue Schlosserbrücke hatte einen Troll - oder zumindest betrachtete ein Troll diese eher postmoderne Brücke aus Stahlbeton und Plastik, deren elegant über den Fluss geschwungener Bogen so gar nicht nach "Troll-Brücke" aussah als sein Revier. Wann immer ein Wesen der Grenze seinen Fuß auf die Brücke setzte, baute sich der Troll vor ihm auf, wuchs auf irgendeine seltsame Art und Weise von einem knorrigen fast schon kleinwüchsigen Kerl zu einem dreieinhalb Meter großen Monstrum und verlangte Tribut: Zoll für das Passieren der Brücke. Wer nicht zahlte, der musste sich mit dem Troll anlegen und riskierte, gefressen zu werden. Wie Finn berichtet wurde scherte es Trolle auch nicht, dass Bau und Unterhalt einer Brücke allein zu Lasten der Stadtverwaltung und damit der Steuerzahler Durnburgs gingen...

Die Existenz des Trolles war der Hauptgrund dafür, dass Finn diesen Ort sehr zu schätzen gelernt hatte. Nicht alle Brücken Durnburgs waren trollverseucht und so ziemlich alle Grenzgänger machten lieber den Umweg über die nahegelegene Wärtherbrücke (ohne Troll-Zoll) oder nahmen die U-Bahn, wenn sie die Elm überqueren wollten. Da Trolle offenbar dumm oder stur oder beides waren, blieb der Troll bei der Neuen Schlosserbrücke und hielt sie damit grenzgängerfrei - bis auf Finn.

Recht bald nach seinem Übertritt ins Grenzland hatte Finn festgestellt, dass - wenn er das wirklich wollte - nicht nur Normalmenschen ihn übersahen, sondern dass seine Anwesenheit auch von Wesen der Grenze ignoriert wurde. Sicher, man hatte ihn längst über die besonderen Fähigkeiten aufgeklärt, die scheinbar jeder Mensch an der Grenze entwickelte, aber dass gerade er als "Superkraft" offensichtlich eine Art Tarnkappe besaß empfand er dann doch als eher enttäuschend.

Mittlerweile hatte sich diese seine Gabe aber bereits in mehreren Fällen als sehr nützlich wenn nicht gar lebensrettend erwiesen und war wohl mit der Hauptgrund dafür, dass Finn weder in den finsteren Tiefen eines Trollmagens noch verblutend (oder schlimmeres) in der Gosse von Durnburgs altem Hafenviertel gelandet war. Zwar kostete ihn das Aufrechterhalten seiner Unauffälligkeit auf Dauer recht viel Kraft und Konzentration, jedoch reichte in den meisten Fällen ein kurzer Moment oder wenige Minuten aus. Der Brückentroll registrierte beispielsweise anscheinend nur das Betreten und Verlassen der Brücke, nicht aber den Aufenthalt darauf ...

In diesem Moment dämmerte es Finn, dass seit mindestens zwei Minuten ein Mann mit schwarzer Lederjacke und Hut vor ihm stand und ihn dreist grinsend anblickte. Während Finn noch damit kämpfte, sich vom Netz seiner Tagträume zu befreien, ordnete sein Gehirn dem feixenden Gesicht unter der von Regen tropfenden Hutkrempe einen Namen zu:

Fiedler.

To top

2 Lady in Black

Alexander Fiedler saß gelangweilt an seinem Schreibtisch und spielte mit einem billigen weißen Kugelschreiber, dessen Werbeaufdruck durch stetigen Gebrauch fast völlig verblasst war. Nur wenige Leute ordneten das Verfassen von Berichten den Tätigkeitsbereichen eines Privatdetektivs zu und Fiedler wäre es nur all zu lieb gewesen, wenn sie damit Recht hätten. Leider war es aber eine unumgängliche Tatsache, dass vor allem die zahlungskräftigeren und einflussreicheren unter seinen Kunden auf detaillierte schriftliche Berichte bestanden und nicht mit einem einfachen Ermittlungserfolg zufrieden waren.

Draußen trommelte der Regen in monotonem Stakkato gegen die längst nicht mehr geputzte Fensterscheibe und vor dem grauen Himmel zeichnete sich Durnburgs alles andere als eindrucksvolle Skyline ab: die bulligen Blöcke der Banken, Kauf- und Geschäftshäuser in der Innenstadt, die zwei gothischen Türme des Doms, das asymmetrische Turmgespann der Abtei, am Rand eine Handvoll zehn- und mehrstöckige Wohnsilos und all das überragt von der Burg auf ihrem mächtig aufragenden Felssockel. Irgendwann hatte Fiedler vergessen, ob er in dieser Stadt lebte, weil er sie mochte oder ob er die Stadt mochte, weil er dort lebte. Im Grunde genommen machte das auch keinen Unterschied. Er hatte seine Klientel, einen gewissen Ruf, ein dichtes Netzwerk an Kontakten, Gefallen und Verpflichtungen und damit sowohl Arbeit als auch Auskommen und ein gewisses Maß an Absicherung.

Immerhin - seine Fähigkeiten und Dienste waren einzigartig in der Stadt und hoch geschätzt von einigen Gruppierungen in der Stadt. Natürlich gab es auch andere Grenzgänger, die für Bezahlung in der Privatsphäre von fremden Leuten herumschnüffelten, aber keiner von ihnen verfügte Fiedlers ausgezeichnete Verbindungen sowohl zur Grenze als auch in die normale Welt.

Ein energisches Klopfen an seiner Bürotüre riss ihn aus seinen Überlegungen. Durch die Milchglasscheibe (selbstverständlich mit schwarzer Aufschrift "A. Fiedler, Privatdetektiv") zeichnete sich die Silhouette des Kopfes einer nicht sonderlich großen Person mit langen Haaren ab. Wahrscheinlich eine Frau. Noch bevor sich er zu dieser äußerst scharfsinnigen und unvoreingenommenen Schlussfolgerung gratulieren konnte, wurde die Türe geöffnet und eine junge Frau um die 18 bis 20 Jahre trat mit selbstbewusstem Schritt ein.

Routiniert begann Fiedler, Details seiner Besucherin zu registrieren: Sie war ohne Einladung eingetreten und war demnach nicht den üblichen Einschränkungen für Feenvolk, Vampire und ähnliche "böser Geister" unterworfen - aber das bedeutete nicht viel. Als Kleidung trug sie eine dicke schwarze Bomberjacke mit aufgenähten "Anarchie"-Symbolen, unter der zwei schlanke, aber muskulöse Beine in knallengen, ausgewaschenen schwarzen Jeans steckten, die ihrerseits (verblüffenderweise) in schwarzen Stöckelschuhen endeten. Hände und Gesicht der Fremden hatten die Farbe von gutem Milchkaffee und ihre Gesichtszüge - umrahmt von nachtfarbenen leicht gelocktem Haar - berichteten von orientalischen Vorfahren.

"Sind Sie Alexander Fiedler?" Die leicht rauchige Stimme der Frau enthielt sowohl einen Anklang an das Schnurren als auch an das Fauchen einer großen Raubkatze. Eigentlich eine Frau nach Fiedlers Geschmack ... und mit Vorsicht zu genießen.

"Für Sie doch immer gerne - und mit wem habe ich das Vergnügen?"

Während Fiedler sich in seinem Bürostuhl aufsetzte, glitt seine Hand zu dem versteckt unter der Sitzfläche angebrachten Dolch und sein Blick auf den über der Eingangstür angebrachten Spiegel. Was er dort sah, bestätigte seinen Verdacht: Das Spiegelbild der Frau war eine bloße Silhouette, erfüllt mit unstet wandernden diffusen Reflexen wie ein schwarzes Seidentuch im Schein eines Lagerfeuers. Ein kleines Vermögen und einiges an Verpflichtungen hatte ihn dieser Spiegel damals gekostet, als er ihn von einem Spiegelmagier in der Altstadt erstanden hatte, doch in Fiedlers Branche musste man sich der wahren Natur seines Gegenübers sicher sein können. Seine Besucherin war also definitiv kein menschliches oder auch nur stoffliches Wesen.

"Sie können mich Sina nennen, das sollte für's Erste reichen. Ich bin hier, weil ich Ihnen einen Auftrag überbringen soll - und weil es meine Aufgabe ist sicherzustellen, dass Sie ihn ausführen und auch ausführen können."

Gut. Das war eine direkte Aussage und wesentlich erfreulicher als manche Alternativen. Außerdem machte sie keinen besonderen Hehl aus ihrer eigentlichen Natur - eine recht lästige Angewohnheit vieler ihrer Wesensgenossen. Beschworene waren häufig recht frei in der Wahl ihrer äußeren Form und gingen davon aus, dass "Geborene" sie nicht erkennen können; überhaupt gruselte es ihn beim Gedanken an so manches Zusammentreffen, dass er mit Beschworenen gehabt hatte.

Aber was soll's - Geschäft ist Geschäft.

"Sie sollen mich also anheuern, überwachen und unterstützen. Nun ja, da drängen sich mir doch ein paar Fragen geradezu auf! Darf ich erfahren, worum es gehen soll, bevor ich mich anheuern lasse? Wie komme ich überhaupt zu dem Vergnügen? Lassen Sie mir eine Wahl - und wenn nein, wollen Sie mich auf meinem eigenen Terrain zu etwas zwingen?" Fiedlers Augenbrauen waren mit fragend spöttischem Gesichtsausdruck hochgezogen.

Bevor eine Antwort kam, setzte sich die Frau mit einer fließenden Bewegung gegenüber von Fiedler seitlich auf den Schreibtisch, wobei sich ihre Bomberjacke in Luft auflöste und ein darunter getragenes enges schwarzes Top zum Vorschein kam. Nein, sie legte offenbar wirklich keinerlei Wert darauf, als Mensch durchzugehen.

"Wissen Sie, die haben mir gesagt, Sie wären schon lange im Geschäft und wüssten, wie die Dinge so sind und ich solle keine unnötigen Spielchen spielen. Das ist zwar schade - aber es ist so." Für einen Moment huschte ein diebisches Grinsen über ihre Gesicht. "Was Ihre Fragen angeht: Sie wohl der beste Mann für die Sache, weil sie angeblich gut sind, die richtigen Leute kennen und außerdem schon irgendwie in der Sache drin stecken. Natürlich wollen meine Auftraggeber nicht, dass Sie ablehnen aber man würde es vorziehen, wenn Sie gegen eine angemessene Bezahlung und nicht unter Druck arbeiten würden." Die Mimik der Frau wandelte sich zu einem freundlichen Lächeln, dem beinahe kein sarkastischer oder bedrohlicher Hintersinn anhaftete. "Was die Wahl möglicher Druckmittel angeht, man hat mich über Ihre Fähigkeiten und Schwächen hinreichend unterrichtet - überlassen Sie es gegebenenfalls mir, Sie zu überraschen."

Für einen Moment stand die von Fiedler provozierte Drohung im Raum und beide Kontrahenten blickten sich regungslos an. Dann fuhr die Schwarzgekleidete fort: "Zuletzt der Auftrag: Holen Sie Astrid Kirchner von den Toten zurück."

Es kam selten vor, dass Fiedlers Gesichtszüge entgleisten, aber das war eine dieser Situationen.

Astrid Kirchner.

Vor Fiedlers geistigem Auge sah er sie leblos in einem Stuhl an einem billigen Holztisch hängen, dünne blutige Rinnsale aus Augen und Ohren. Mit ihr am Tisch vier Männer - einer erschrocken, einer fassungslos und zwei davon jenseits des Schleiers und völlig unbewusst der Tatsache, dass neben ihnen noch eine Tote und zwei weitere Menschen anwesend waren. Für ihn selbst war die Sache relativ uninteressant erschienen: Als Medium hatte Astrid Kirchner beruflich mit den Toten Kontakt aufgenommen, da konnte man ihr Ableben schon mal als Arbeitsunfall betrachten.

Über das Gesicht der Frau, die sich als Sina vorgestellt hatte, spielte ein unverholen spöttisches Lächeln. "Ein typisches Geborenenproblem, wenn Sie mich fragen."

"Warum engagieren Sie mich? Ich bevorzuge es, mit den Leuten zu reden, bevor sie tot sind. Wäre es nicht klüger, ein Medium oder einen Totenbeschwörer anzuheuern? Das wäre dann ja fast schon ein kleiner Kaffeeklatsch unter Kollegen. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen und Ihrem Auftraggeber auch ein paar Verbindungen herstellen..." Fiedler lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

Das Lächeln verweilte auf dem Gesicht der Frau in Schwarz. "Dass Sie nicht die erste Wahl für diesen Auftrag sind, ist natürlich klar. Allerdings hatten die Versuche, die verstorbene Frau Kirchner medial zu kontaktieren bislang keinerlei Erfolg - jedesmal aus dem selben Grund: Offenbar ist sie nicht ganz so tot, wie sie sein sollte. Weil Sie aber der Fachmann sind - oder sollte ich besser Schnüffler sagen - der mit den Umständen ihres Todes am ehesten vertraut ist, geht der Job dann doch an Sie."

"Womit wollen sich denn die Leute, die Sie beschworen haben, meine Dienste leisten - oder sind Sie jetzt schon wieder gezwungen, mir zu drohen?" Fiedlers Hand schloss sich unauffällig fester um den Dolch unter seinem Stuhl, bereit ihn blitzschnell in Position zu bringen und seine magische Ladung auszulösen, sollte sie Anstalten machen, sich auf ihn stürzen.

Statt dessen hatte sie auf einmal einen neutralen braunen Umschlag in der Hand und legte ihn mit Nachdruck auf den Schreibtisch. "Ich soll Ihnen das hier geben und Ihnen Zeit lassen, sich von seiner Echtheit und Wirksamkeit zu überzeugen. ... Hmmm, wie lange können Sie wohl dafür brauchen?" Mit keineswegs echt wirkender Langeweile begann sie, ihre Fingernägel zu betrachten.

Misstrauisch nahm Fiedler den Brief mit der rechten Hand, zog langsam und vorsichtig den Dolch unter dem Stuhl hervor und versuchte so zu tun, als hätte er ihn aus einer Ablage im Schreibtisch genommen und ihn nicht stets bereit gehabt. Wenn Sina etwas davon gemerkt haben sollte, so ließ sie es sich aber nicht anmerken - aber bei Beschworenen wusste man nie, woran man war.

Ein kurzer Schnitt längs des Umschlangs offenbarte einen weiteres Kuvert darin, diesmal aus cremefarbenem festem Papier und mit einem Siegel verschlossen. Mit fachkundigem Blick erkannte Fiedler das Siegel sofort: Einige Händler auf dem Schattenmarkt verkauften gelegentlich solche Siegel zu horrenden Preisen als magische Sicherung für geheime Dokumente. Brachte man sie auf einem Brief oder ähnlichem an und sprach dabei den Namen des gewünschten Empfängers aus, aktivierte sich ein Zauber, der das Dokument sofort spektakulär in Flammen aufgehen ließ, wenn irgendjemand anderes versuchte, den Umschlag zu öffnen - sei es über das Siegel oder sonstwie. Ein beträchtlicher Aufwand, um eine Bezahlung zu sichern.

Für einem Moment zögerte Fiedler, während er die verschiedenen Möglichkeiten abwog: Entweder war er der unmittelbare Adressat des Umschlags (nicht unwahrscheinlich in Anbetracht der Umstände) oder aber irgend jemand hatte erstaunlichen Aufwand betrieben, um ihm auf umständliche und unzuverlässige Art und Weise Schaden zuzufügen ...

Ach was, sei 's drum. Erstens wäre er schon längst verschimmelt und vertrocknet, wenn er solche Risiken nicht eingehen würde und zweitens - seit wann hatte er denn Angst vor Magie? Respekt - ja, aber Angst - nein! Schließlich gehörte er zu den wenigen, deren besondere Gabe es war, von den direkten Auswirkungen magischer Effekte wie Flüche, Bezauberungen und ähnlichen Freundlichkeiten in keinster Weise betroffen zu sein. Praktisch? Ja, sicher, so lange man keine Schutz- oder Heilmagie benötigt.

Aber darum ging es gerade nicht. Jetzt schrie ein magische versiegelter Umschlag unklarer Herkunft danach, mit gegebenem Respekt geöffnet zu werden (genauer gesagt schrie Fiedlers eigene Neugier danach, den Brief zu öffnen, aber eingestehen wollte er sich das nicht).

Mit einer geübten Geste wandte er den Dolch in der Hand, so dass die Klinge nach hinten zeigte und ihn nicht behinderte. Dann fasste er mit den Fingern beider Hände nach dem Siegel, fühlte kurz dessen kühle, spröde Konsistenz und brach es dann in einer kontrollierten Bewegung in zwei Hälften.

Einen winzigen Moment spürte er ein Prickeln in den Fingerspitzen, konnte erahnen, dass irgendetwas magisches versuchte, ein Detail über ihn herauszufinden und die Frage schoss glühend ihm durch den Kopf, wie denn eigentlich ein solcher Namenszauber darauf reagieren würde, wenn er NIEMANDEN in der Umgebung finden würde. Verdammt! Natürlich müsste der Zauber dann sofort das Dokument vernichten - sonst hätte ja jeder Normalo mit einem einfachen Mechanismus so ein magisches Siegel brechen können ...

Doch nichts geschah. Mit gebrochenem Siegel ruhte der Brief in Fiedlers Hand, die Lasche leicht geöffnet. Aus den Augenwinkeln registrierte Fiedler, dass Sina sich ihm wieder leicht zugewandt hatte und tatsächlich ein wenig enttäuscht wirkte. Seltsam menschlich für eine Beschworene, dachte er sich und fuhr dann damit fort, den Umschlag seines Inhaltes zu berauben.

Zum Vorschein kam ein edel wirkendes Stück handgeschöpften Papiers - ordentlich im A4 Format geschnitten - dessen Vorderseite in schwarzer Tinte handschriftlich beschrieben war.

Hochverehrter Herr Fiedler,

lassen Sie mich zunächst meine persönliche Hochachtung für Ihre detektivischen Fähigkeiten ausdrücken, deren eindrucksvolle Erfolge ich in den letzten Jahren verfolgen durfte. Es ist mir eine besondere Freude Ihr Wohlergehen und Ihren positiven Einfluss auf die Gemeinschaft der Grenzgänger konstatieren zu können, zeigt mir dieses doch, dass mein Eingreifen in Baltungshult nicht nur für Ihr weiteres Leben von Vorteil war.

Ich gehe natürlich davon aus, dass ein Mann von Ehre wie Sie nicht an die damaligen Geschehnisse und die daraus resultierenden Verpflichtungen erinnert werden muss. Daher möchte ich Ihnen hiermit in Bezug auf unsere dort und dann getroffene Abmachung die Bitte stellen, den Auftrag betreffs der Wiederkehr Astrid Kirchners anzunehmen, der Ihnen von der Überbringerin dieses Briefes unterbreitet wird und ihn zu behandeln, als sei er Ihr persönliches Anliegen. Um es noch einmal mit meinen eigenen Worten zusammenzufassen: Bitte tragen Sie Sorge, dass das Bewusstsein und der Geist von Frau Astrid Kirchner in Bälde auf diese unsere Welt zurückkehrt - sei es im Gefäß ihres lebendigen Körpers oder in einem anderen hinreichend stabilen Zustand.

Selbstverständlich kann ich unmöglich voraussetzen, dass Sie diesem meinem Schreiben vorbehaltlos vertrauen ohne sich dessen Authentizität und bindender Wirkung versichert zu haben. Es wäre aus diesem Grund in meinen Augen kein Zeichen von Unhöflichkeit sondern vielmehr ein Ausdruck professioneller Gründlichkeit und gesunden Misstrauens, wenn Sie die Gelegenheit nutzen wollten, dieses bei gebotener Stelle zu verifizieren.

Um Sie mit der gesamten Angelegenheit neben dem wohl nicht unbeträchtlichen zeitlichen und persönlichen Aufwand nicht auch noch finanzell unnötig stark zu belasten, habe ich es mir erlaubt, meine beschworene Botin mit einer gewissen Menge an Funken und Wertsachen auszustatten, die im Sinne der Mission einzusetzen ihr Geheiß ist. Ebenso verfügt sie über einige weitere Details dieses Auftrags und kann und sollte von Ihnen für dessen Dauer als mittelbare Repräsentantin meiner Person mit allen Implikationen betrachtet werden.

Abschließend möchte ich Ihnen noch meine besten Wünsche ausdrücken sowohl für Ihr persönliches Wohl als auch für das Gelingen unserer gemeinsamen Sache.

gezeichnet

Ebenezer Unbehaun

Sichtlich betroffen legte Fiedler den Brief wieder ab. Die Namen Baltungshult und Unbehaun weckten Erinnerungen in ihm, die er lieber sicher unter einer dicken Schicht Vergangenheit und Vergessen begraben gewusst hätte. Damals - es schien ihm in einer anderen Zeit, in einer anderen Welt und irgendwie auch als ein anderer Alexander Fiedler gewesen zu sein - war er als Söldner in der Schlacht von Baltungshult in eine verzweifelte Situation geraten und hatte sich des nackten Überlebens willen in die Schuld von Ebenezer Unbehaun, einem zwielichtigen Magier begeben müssen.

An der Grenze wiegen Versprechen schwer. Für einen Normalmenschen ist es ein leichtes, sein leichtfertig gegebenes Wort wieder zu brechen - was außer ein paar Moralvorstellungen und lockeren Vorgaben der Zivilisation spricht schon dagegen? Wer dort sicher gehen will, erstellt einen Vertrag und lässt sich seine Versprechen schriftlich und einklagbar geben. In der Welt der Grenze aber, erscheinen Gesetze und Vertragswerke der Staaten und Gesellschaften beliebig und nichtig, schließlich ist es dort der tägliche Alltag, dass ein Name, eine Adresse, ja eine ganze Existenz "einfach so" aus Verträgen, Telefonbüchern, Personalausweisen, Akten und Verzeichnissen verschwindet. Was bleibt denn unter Grenzgängern an Sicherheit, wenn nicht das gegebene Wort?

Abgesehen von der schwer beweisbaren Tatsache, dass in der magiedurchtränkten Grenzrealität der Bruch eines ernsthaft gegebenen und mit Namen und Schwur belegten Versprechens durchaus böse Folgen nach sich ziehen konnte, waren Gefallen eine der härtesten Währungen an der Grenze. Wenn jemand einen geschuldeten Gefallen nicht einlöste, musste er davon ausgehen, dass niemand ihn mehr für "kreditwürdig" nehmen und ihm seinerseits einen Gefallen erweisen würde.

Worauf es für Fiedler hinauslief war einfach gesagt: Er schuldete Ebenezer Unbehaun einen Gefallen in der Größenordnung einer Lebensrettung und dieser Gefallen wurde jetzt eingefordert - mit einem auf den ersten Blick unmöglich scheinenden Auftrag. Manche Dinge rächen sich zwar spät aber immer noch viel zu früh.

Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte Fiedler zu der ihn mit beinahe unschuldigem Lächeln gegenübersitzenden Sina auf.

"Ich nehme an, der Inhalt dieses Schreibens ist Ihnen bekannt."

Ein Lächeln und leicht angedeutetes Nicken.

"In diesem Fall wissen Sie sicher auch, dass Sie mir als nächsten Schritt eine kleine Überprüfung des Textes und der darin gemachten Behauptungen finanzieren werden. Kennen sie Griselda von Radewitz? Sie ist die Autorität in Durnburg, wenn es um Wahrheit, Lügen und Versprechen geht - und sie ist nicht ganz billig."

Sina erhob sich, grinste weiter und materialisierte die Bomberjacke erneut um ihre Schultern. "Nein, noch nicht, aber mir wurde schon gesagt, dass ich sie kennenlernen würde. Los, brechen wir auf! Ich glaube nicht, das die gute Frau von Radewitz in Ihrem Vorzimmer sitzt."

"Nach Ihnen." Als sich Fiedler Schirm und Lederjacke vom Garderobenhaken hinter seinem Schreibtisch nahm, fügte er noch beiläufig hinzu: "Ich hoffe, Ihr Beschwörer hat sich nicht lumpen lassen, sonst müssen wir am Schluss noch ein paar Brocken Ihrer magischen Substanz als Bezahlung liegen lassen..."

Minuten später standen Fiedler und Sina vor einen kleinen Pavillion am Rande des Durnburger Rathausplatzes, dessen Vorderseite von drei Türen geziert wurde - mit den Beschriftungen "WC Herren", "WC Damen" und "Sonstige Besucher".

To top

3 Sonstige Besuche

"Wirkt richtig professionell. Ich bin beeindruckt." Das amüsierte Lächeln, welches seit dem Aufbruch aus Fiedlers Büro nicht von ihrem Gesicht gewichen war wuchs sich zu einem breiten Grinsen. "Haben die Klofrauen in eurem schicken neuen Jahrtausend jetzt Nebenjobs als Grenzgänger-Notare?"

"Tja, meine Liebe, lassen Sie sich überraschen. Gerade Frauen in Ihrem Alter sollten wissen, dass der äußere Schein nur all zu oft trügt." Befriedigt realisierte Fiedler, dass Sinas Mimik von Erheiterung zu leichter Empörung wechselte.

Mittlerweile hatte Gruppe von etwa einem dutzend junger Frauen (allesamt in orangen Trikots mit der Aufschrift "Tinas Jungesellinnenabschied"), die vollständige Blockade des Toilettenhäuschens aufgehoben und verzog sich fröhlich schnatternd in Richtung Rathauscafé. Mit einem kurzen Schulterblick versicherte sich Fiedler, dass sie gerade besondere Aufmerksamkeit auf sich zogen, nickte zufrieden, schritt auf die Türe "Sonstige Besucher" zu und hielt sie mit einer galanten Geste für Sina offen. "Nach Ihnen, gnä' Frau..."

"Für einen Grenzgänger sind Sie ganz schön besorgt, nicht bei Grenzgängerdingen beobachtet zu werden. Achten wir darauf, unser Paradox niedrig zu halten, Herr Fiedler?" Der Spott war zurück in Sinas Stimme.

"Man tut, was der Beruf verlangt." Als die Türe hinter ihnen ins Schloss fiel, standen die beiden in einer von dämmrigem Notlicht erleuchteten Kammer, an deren kahlen Betonwänden einige Besen und Reinigungswerkzeuge in vorhängeschlossgesicherten Gitterkäfigen ihr tristes Dasein fristeten. Gegenüber des Eingangs befand sich gleich noch eine Türe, diesmal aus schwarzem matten Metall - mit einem geschlossenen Sichtschlitz in Augenhöhe.

Auf energisches Klopfen seitens Fiedlers erklangen von der anderen Seite erst ein paar schwere Schritte, wie von Stiefeln auf Steinboden in einem großen Raum, dann glitt der Sichtschlitz mit aggressivem Zischen auf und enthüllte ein Gitter, hinter dem eine spiegelnde Glasfläche das fahlgrüne Licht der Deckenlampe reflektierte. "Ja?" Die Männerstimme, die hinter der Tür hervorklang war klar und deutlich hörbar - und wirkte überraschend höflich und freundlich.

"Alexander Fiedler und ein Gast. Ich bin zur Verifikation eines Dokumentes hier und die Dame in meiner Begleitung ist eine Beschworene meines Auftraggebers." Nach einem kurzen Seitenblick zu Sina fügte er lächelnd und mit höflichem Bedauern hinzu: "Leider kann ich nur für meine Person bürgen - über Absichten und Fähigkeiten meiner Begleiterin bin ich nicht informiert."

Vielleicht war es nur seine Magieimmunität, die ihn davor rettete, von Sinas bloßen Blicken getötet zu werden, doch die Stimme auf der anderen Seite der Türe schien völlig unbeeindruckt. "Herr Fiedler und ein beschworener Gast. Sehr wohl. Haben Sie bitte einen Moment Geduld, ich melde Ihren Besuch." Mit erneutem fiesen Zischen schloss sich der Schlitz und Schritte entfernten sich.

In Sinas Stimme lag mehr als ein bisschen Fauchen: "Diese Bemerkung war äußerst unangebracht, Herr Fiedler! Ich dachte, Sie hätten verstanden, dass Sie mich als Repräsentanten Ihres Auftraggebers behandeln sollen! Etwas mehr Respekt hielte ich für durchaus angemessen."

Fiedlers Gesicht war die Unschuld selbst, während in seiner Stimme ein leises Lachen mitklang: "Aber aber, meine Liebe, nun fahren Sie doch nicht gleich aus Ihrer selbstgewählten Haut! Natürlich behandle genau so, wie ich Herrn Unbehaun als meinen Auftraggeber behandeln würde - aber erst sobald sich die Sache als sauber herausgestellt hat. Bis dahin sind Sie für mich ein potentielles Risiko, das ich meinen Geschäftspartnern nicht einfach so aufbürden möchte. So viel Höflichkeit muss sein, finden Sie nicht?"

Bevor Sina etwas entgegnen konnte, näherten sich wieder die Schritte von jenseits der Türe. "Herr Fiedler und die beschworene Dame werden bereits erwartet. Ich bitte einzutreten!" Bei den letzten Worten schwang die Türe lautlos auf und enthüllte den Blick durch einen beiseite gezogenen Vorhang auf ein durch bunte hohe Glasfenster mit farbigem Zwielicht erfülltes hohes gothisches Kirchenschiff.

Mit leisem anerkennendem Pfeifen ließ Fiedler etwas Luft zwischen den Zähnen entweichen. "Sie hat umdekoriert - nicht schlecht! Die Geschäfte müssen gut laufen!"

Sina wirkte weniger beeindruckt. "Nichts was ein begabter Gossenhexer mit einem Händchen für Lichteinfall nicht hinbekommen könnte. Offensichtlich haben Sie noch nie wirklich beeindruckende orthomantische Räumlichkeiten gesehen. Kleopatra zum Beispiel schlief jede Nacht des Monats in einem anderen Zimmer, das sie aber stets durch die gleiche Türe betrat - oder haben Sie sich schon einmal gefragt, wie Noah die ganzen Tiere in sein kleines hölzernes Schiffchen pferchen konnte? ... Aber Sie haben recht. Für diese zweitklassige Ära ist es ganz beachtlich. Können wir jetzt zum geschäftlichen Teil kommen? Wo ist denn der Lakai, der uns die Türe geöffnet hat?" Sie blickte sich suchend um, fand aber die Türe geschlossen und den Raum hinter ihnen menschenleer.

"Bei Frau von Radewitz ist es üblich, sich ins ... ähm ... Wartezimmer zu setzen, bis man abgeholt wird. Wir haben zwar keinen Termin, wurden aber erwartet - lange kann es also nicht dauern." Schnurstracks hielt Fiedler auf die dünn mit abgewetztem weinroten Samt gepolsterten Kirchenbänke aus dunklem Holz zu.

Offenbar waren sie nicht die einzigen Besucher in der dämmrigen, farbdurchwirkten, gedämpften Stille der Kirche. So weit verstreut wie möglich saßen eine Handvoll weiterer Gestalten auf den ehrwürdig wirkenden Bänken, die meisten von ihnen relativ normal und unauffällig gekleidet. Auffällig waren ein mit etwa drei Metern übergroßer klobiger Kerl aus dessen Kiefern zwei ellenlange Stoßzähne zu sprießen schienen und eine Frau in den hinteren Reihen, deren lange rote Haare sich nach oben reckten und dabei wie Flammen züngelten. Manche studierten konzentriert irgendwelche Schriftstücke, die sie vor sich hatten, einige saßen einfach da und warteten und andere hatten scheinbar den Kopf in stiller Andacht gesenkt. Allen Anwesenden gemein war eine gewisse Bedachtheit darauf, sich nur um die eigenen Angelegenheiten zu kümmern und die Privatsphäre der anderen nicht zu verletzen.

Nach ein paar Minuten des Wartens in einer der mittleren Reihen trat eine mittelgroße zierliche Frau in dunkelgrauem Nadelstreifenanzug mit schulterlangen Haaren und schwer schätzbarem Alter zwischen 40 und 60 aus einem Seiteneingang vorne im Kirchenschiff und eilte mit leisen Schritten eine auf Sina und Fiedler zu.

"Aha, Griselda nimmt sich persönlich für uns Zeit..." in Fiedlers Flüstern lag etwas Erstaunen.

Bei den beiden angekommen, lächelte die Dame professionell, blickte kurz von einem zum anderen und sprach mit gedämpfter Stimme: "Herr Fiedler, Frau ... ich kann Sie Sina nennen?"

Als sie das kurze Nicken seitens Sina gesehen hatte, fuhr sie fort: "Wenn ich sie in mein Büro bitten darf?"

Beide erhoben sich leise und folgten ihr mit wachesender Verwunderung zum Beichtstuhl an der linken Seite. Schwere Samtvorhänge teilten sich und alte dicke Holzbohlen pochten und knarrten leise unter ihren Schritten beim Betreten des Gestühls.

Als Fiedler und Sina das muffige Dämmerlicht des Beichtstuhls betraten, hatte Frau von Radewitz vor ihnen schon eine schmale hölzerne Tür an dessen Rückwand geöffnet und hielt diese für ihre Kunden geöffnet. Der dahinterliegende von drei Kronleuchtern und mehreren Kerzen erhellte fensterlose Saal im Stil der Renaissance kontrastierte deutlich mit der Erwartung, die an das Hinterzimmer eines Beichtgestühls gestellt werden könnte - was aber offenbar keinen der Anwesenden störte. Mittig im Raum unter dem größten der drei Lüster stand auf dem kunstvoll in schwarz weißen Mustern gelegten Marmorboden ein Tisch, groß genug für acht oder zehn Personen, dessen polierte Platte ebenfalls aus Marmor bestand.

Griselda von Radewitz hielt zielstrebig auf das entfernte Ende der Tafel zu. "Nehmen Sie doch bitte beide Platz! Es freut mich, Sie wieder einmal als meinen Kunden begrüßen zu dürfen, Herr Fiedler. Wir müssen leider noch auf einen Spezialisten warten, den ich gerne zu der Angelegenheit hinzuziehen möchte."

"Einen Spezialisten? Darf ich daraus messerscharf kombinieren, dass Sie uns nicht nur erwartet haben und über die Natur meiner Begleiterin im Vorfeld informiert waren, sondern dass Sie auch schon wissen, worum es geht?" In Fiedlers Stimme schwang mehr als eine Spur von freundlichem Sarkasmus mit.

Griselda lachte kurz und angemessen: "Ich denke nicht, dass diese Schlussfolgerung eine große Herausforderung für Ihre legendären detektivischen Fähigkeiten war. Natürlich haben Sie Recht: Ihr Anliegen ist mir bereits angekündigt worden." (Fiedler notierte routinemäßig, dass sie es vermieden hatte, die seit der Ankündigung verstrichene Zeit zu erwähnen.) "Mir ist auch klar, dass mein Vorwissen in der Angelegenheit mich im Grunde nicht vertrauenswürdiger macht. Allerdings denke ich, Sie arbeiten lange genug mit mir zusammen, um sich meiner Integrität sicher sein zu können. Außerdem..." ein Lächeln spielte über ihr Gesicht, "außerdem denke ich, dass Sie ein gewisses Vertrauen zu dem Fachmann haben werden, den ich - unaufgefordert und daher nicht kostenpflichtig - zu der Sache hinzu ziehen möchte."

Zwischen Fiedlers Augenbrauen bildeten sich ein paar steile Falten. "Fachmann? Ist mir die Person bekannt?"

"Er sagte, er hätte Ihre Bekanntschaft bereits gemacht, ja ..."

"Wer ..." weiter kam Fiedler nicht. Sina fuhr in ihrem Sitz herum und blickte dorthin, wo Bruchteile von Sekunden später eine Tür krachend aufsprang und ein Berg von Akten und Schreibutensilien sich mit Klappern und Klatschen auf den Fußboden ergoss. Im Türrahmen stand ein Mann - sichtlich peinlich berührt - in einer unbequemen Position, die wohl dazu hätte dienen sollen, die Türklinke nur mit dem Ellbogen bedienen zu können, während er eben den Aktenstapel auf beiden Armen tragen wollte, der nun vor ihm auf dem Boden lag.

Fiedler zog die Augenbrauen hoch: "Quentin Fechtner?"

"Ich sehe, Herr Fechtner ist Ihnen bekannt, Herr Fiedler." Frau von Radewitz' linke Augebraue wölbte sich zu einem dezent amüsierten Bogen.

"Fechtner, was machst du hier? Ich dachte, du wärest bei Boris als ..." Fiedler unterbrach sich und wirkte deutlich verwirrt "Experte?"

Für einen kurzen Moment stand der Mann in der Türe mit linkischer Körperhaltung da, hin und hergerissen zwischen dem Impuls, das ihm unterlaufene Malheur zu beseitigen, sich zu bücken und das Gerümpel vor ihm aufzuheben und den Fesseln der Höflichkeit, die ihm geboten, seine Chefin, Fiedler und Sina entsprechend zu begrüßen. "Ahm ... Hallo Herr Fiedler ... Frau von Radewitz ... ahm ... Frau ..."

"Sina genügt."

"... Frau Sina ... Ich ... ahm ..." Quentins Hand griff nach der Brille, die an neongelben Bändern vor seinem grau karierten Pullover baumelte und setzte sich das Gestell wieder auf die hochroten Ohren. Damit schien auch seine Fassung wieder gefunden, er ging in die Hocke und begann, seine herabgefallenen Unterlagen einzusammeln. "Einen Moment - ich bin sofort bei Ihnen."

Griselda von Radewitz sprang in die Bresche: "Herr Fechtners Dienste haben sich als unschätzbar erwiesen, wenn es um die Sichtung und Analyse von schriftlichen - besonders handschriftlichen - Dokumenten geht. Und was Ihren halb ausgesprochenen Einwurf angeht, Herr Fiedler, er wurde mir von Herrn Tsarkov für diese Funktion empfohlen. Ich nehme an, das beantwortet einige der Fragen, die sich Ihnen stellen könnten."

Mittlerweile hatte Fechtner seine sieben Sachen aufgesammelt, den resultierenden Stapel auf den Tisch getürmt und neben Frau von Radewitz Platz genommen. Ihm gegenüber schüttelte Fiedler noch einmal den Kopf, zog dann aber den Umschlag mit dem Brief aus seiner Jackentasche und legte ihn mit einem Seitenblick zu der still aber aufmerksam dasitzenden Sina mitten auf den Tisch.

"Na gut, dann wollen wir mal zum Geschäftlichen kommen. Wie manchen von Ihnen vielleicht bekannt, wurde mir dieses Dokument zugestellt, in dem eine Person, die sich als Ebenezer Unbehaun bezeichnet einige Behauptungen aufstellt. Genau diese Behauptungen - und natürlich die Identität des Verfassers - hätte ich gerne von Ihnen verifizieren lassen. Für die dabei entstehenden Kosten soll - gemäß des Briefes - meine Begleiterin hier aufkommen."

Elegant Fingern fischte sich Frau von Radewitz den Brief vom Tisch. "Ich nehme an, Sie sind sich selbstverständlich darüber im Klaren, dass Sie die Kosten übernehmen müssen, Herr Fiedler, wenn sich der Inhalt des Briefes als unwahr herausstellt? Ansonsten sind wir uns natürlich sofort handelseinig."

"Ich dachte, letztes Mal hätten wir uns auf in Viertel des Nennpreises geeinigt ..."

"Die Hälfte, Herr Fiedler, die Hälfte - und seitdem haben die Preise auf dem Markt angezogen."

"Das letzte Mal ist höchstens vier Wochen her - ich verstehe ja, dass Sie durch die Anschaffung von Räumlichkeiten wie der Kirche gewisse Kosten haben, aber meinen Sie wirklich, es wäre fair, die Dekoration auf uns Stammkunden umzulegen?"

Fiedler schien einen wunden Punkt getroffen zu haben, denn Griselda wirkte deutlich pikiert: "Was die St. Spithlinus-Kapelle angeht, handelt es sich um ein Geschenk meiner Schwester und darüberhinaus bringt sie durch den Verkauf von Votivkerzen sogar noch Gewinn!"

"Na dann gibt es ja eigentlich einen Grund weniger, einen guten und zahlenden Kunden wie mich durch angehobene Preise zu vergraulen. Ein Vorschlag: Wir nehmen wieder die Hälfte, dafür gibt es einen zusätzlichen Erfolgsbonus von fünf Prozent, wenn ich von Herrn Fechtners Expertise beeindruckt bin."

"Zwanzig Prozent!"

"Zehn."

"Abgemacht." Griselda von Radwitz streckte Fiedler die Hand entgegen.

Ein kurzer Seitenblick zu Sina, deren Mine die ungewöhnliche Wandlung von Verwirrung über Empörung zu unverholenem Vergnügen gemacht hatte, dann besiegelte Fiedler das Geschäft mit Handschlag.

Auf subtile Art und Weise erinnerten Griselda von Radewitz Augen an die eines Raubvogels, als sie Zeichen um Zeichen, Zeile für Zeile das Schreiben auf dem cremeweißen Büttenpapier des Briefes abrasterten. Nicht zum ersten Mal fragte sich Fiedler insgeheim, was in ihrem Kopf wohl vorgehen musste, wenn sie das tat, wofür sie bekannt war: den Wahrheitsgehalt von Aussagen (seien sie schriftlich, mündlich oder in Bildform verfasst) zu überprüfen. Konnte man das als eine Art Seherei betrachten oder als Form des indirekten Gedankenlesens? Teilten ihr die Buchstaben mit, ob sie bedeuteten, was sie sagten oder hatte sie über das Geschriebene Zugang zu dem Teil der Realität, der von diesem beschrieben wurde? Eigentlich egal, dann was zählte war, dass sie sich offenbar bislang noch nie geirrt hatte.

Nach dreifacher Lektüre des Briefes wich etwas Anspannung aus ihrem Gesicht, sie senkte das Dokument und blickte Fiedler mit ernstem Blick an. "Nach allem was ich feststellen kann, entspricht das hier geschriebene in allen Aspekten der Wahrheit. Der Verfasser dieser Zeilen heißt Ebenezer Unbehaun und ist tatsächlich die Person, die mit den beschriebenen Ereignissen in Baltungshult in Verbindung steht. Der Auftrag ist Wort für Wort ernst gemeint und gilt bindend als Einlösung des von Ihnen geschuldeten Gefallens. Zu guter Letzt", ihre Augen nahmen nun Sina ins Visier, "ist diese Dame dort die bereits angekündigte und im Brief erwähnte beschworene Botin des Herrn Unbehaun - auch hier ist die Aussage vertrauenswürdig. Allein der Schlußabsatz mit dem besten Wünschen erscheint mir als Floskel und ohne Bedeutung - aber wenn ich Sie richtig enschätze, Herr Fiedler, darauf kommt es Ihnen wahrscheinlich nicht an."

Fiedler wirkte etwas gequält aber entschlossen. "Danke, Frau von Radewitz. Ich kann nicht sagen, dass ich mit dem Ergebnis besonders glücklich bin - aber danke."

"Sind Sie einverstanden, wenn Herr Fechtner den Text ebenfalls studiert? Er hat selbstverständlich ein diesbezügliches bindendes Schweigegelübde geleistet."

"Ja, kein Problem." Fiedlers Stirn warf erneut steile Falten.

Bedeutungsvoll wurde das Dokument an Quentin Fechtner weitergereicht, der es eifrig entgegennahm, seine Brille zurecht rückte und mit der Lektüre der Zeilen begann.

"Aha ... Hmmm ..." Fechtners Mine drückte völlige Konzentration aus.

"Nun ... Herr Fiedler ... im Gegensatz zu Frau von Radwitz kann ich über den objektiven Wahrheitsgehalt des Textes wenig Aussagen machen, aber vielleicht könnte es Sie interessieren, etwas über die subjektiven Inhalte des Briefes zu erfahren - also über das was beim Verfassen im Bewusstsein des Herrn ... Unbehaun vorgegangen sein mag."

Fiedlers schaute kurz von Radewitz an, dann entstand die Spur eines Grinsens auf seinem Gesicht. "Das können Sie? Was waren Sie vor Ihrem Weg zur Grenze nochmal? Psychiater oder so etwas, nicht wahr?"

"Doktor der Psychologie." Fechtner wirkte irritiert und etwas beleidigt.

"Entschuldigung - ich hab' einfach kein gutes Gedächtnis, was so etwas angeht. Nichts für ungut. Ich frage mich nur, ob Sie dafür einfach nur auf Ihr ... profundes Fachwissen zurückgreifen oder ob Sie Boris hierher empfohlen hat, weil Sie sich dazu anschicken eine ziemlich interessante Gabe zu entwickeln."

"Nun, natürlich kann ich aufgrund meiner Ausbildung aus Texten - besonders aus handschriftlich verfassten - etwas über den Verfasser sagen. Allerdings fliegen mir im Laufe der letzten Monate immer häufiger Impressionen und Diagnosen zum geistigen Zustand und zur Gedankenwelt der Schreiber zu, die ich zwar nicht wissenschaftlich begründen kann, die aber meistens ganz gut zutreffen." Irgendetwas zwischen Stolz und Unsicherheit huschte über Fechtners Gesicht.

Fiedler strich mit dem Zeigefinger über seine Oberlippe und schmunzelte versonnen. "Faszinierende Möglichkeiten tun sich auf... Na dann schießen Sie mal los, Herr Fechtner!"

"Einspruch!" Irgendetwas in Sinas Stimme ließ sie lauter klingen, als es eigentlich möglich wäre und Quentin Fechtner blickte verdutzt auf.

Mit gewohnter Lautstärke furh sie fort: "Als Vetretung Ihres Auftraggebers, Herr Fiedler, und als diejenige, die diese Untersuchung bezahlen soll, lehne ich die Dienste von Herrn Fechtner entschieden ab. Nachdem mein Auftraggeber und seine Absichten jetzt ja legitimiert sind, ist alles Notwendige getan - Nachforschungen darüber hinaus, Herr Fiedler, wären gelinde gesagt unhöflich." Bei den letzten Worten hatte Sina den völlig unberührt blickenden Detektiv geradezu ins Visier genommen.

"Danke, meine Liebe, Sie haben mir gerade genau die Information gegeben, die ich erwartet hatte. Frau von Radewitz, Quentin, bitte brechen Sie die laufende Untersuchung ab." An Sina gewandt:

"Sie müssen aber doch zugeben, dass Sie von Herrn Fechtners ... Expertise ... beeindruckende Ergebnisse erwarten, sonst hätten Sie sicherlich nicht so reagiert."

Über Sinas Gesicht wuchs ein hintersinniges Lächeln: "Bei all meinen Anweisungen bin ich mir sicher, dass Herr Unbehaun von Herrn Fechtners Studien sehr ... beeindruckt wäre. Wollen Sie damit andeuten, dass die zehn Prozent angemessen sind?"

"Na ja, ich denke, sie könnten Herrn Fechtner sicher auch dabei helfen zu vergessen, was er in den ersten paar Zeilen sicher schon gelesen hatte ..."

In Fechtners Gesicht stand offensichtliche Enttäuschung. Trotzdem gab er sich alle Mühe, professionell zu wirken: "Natürlich ist meine Diskretion selbstverständlich - auch ohne die zehn Prozent."

"Das ist mir klar, Quentin, aber ohne dich hätte ich eine wichtige Information sicher nicht so klar und deutlich erhalten." Fiedler wirkte entschlossen. "Ich halte den Bonus für durchaus angemessen - und werde mir wenn es gestattet ist, bei Gelegenheit eine Kostprobe Ihrer Fähigkeiten mit einem selbst verfassten Text nachholen. Sina, würde Sie mit Frau von Radewitz bitte das Geschäftliche klären?"

Griselda von Radewitz räusperte sich und wandte sich immer noch etwas verwirrt aber völlig Herrin der Situation an Sina. "In welcher Form wollen Sie zahlen - wir nehmen keine geprägten oder gedruckten Währungen, ansonsten sind wir aber flexibel. Der übliche Satz für eine solche Dienstleistung wäre eine Unze Gold - für Funken ist der Gegenwert zu gering."

Mit einer beiläufigen Bewegung fasste Sina hinter ihr linkes Ohr und produzierte von dort eine große und eine kleine Goldmünze mit einem darauf geprägten, doch bereits stark abgegriffenem komplexen Muster aus keltischen Knoten. "Nehmen Sie diese hier?"

Die Augenbrauen von Frau von Radewitz hoben sich kaum merklich: "Münzen aus Albion? Natürlich. Sie verstehen sicher, dass ich deren Echtheit prüfen muss?" Sina nickte und überreichte ihr die Münzen, woraufhin Griselda den Raum verließ.

Sobald sich die Türe hinter ihr geschlossen hatte wandte sich Fiedler an Quentin Fechtner: "Ahm ... Quentin? Ich nehme an, du hast hier 'nen Vertrag unterschrieben, dass du keine rituellen Verbindungen zulässt?"

"Ich ... äh ..." Fechtner nestelte sichtlich verwirrt an seiner Brille "... ja, das stand in meine Vertrag drin - und Frau von Radewitz hatte es selbst hineingeschrieben und war dabei ziemlich verärgert gewesen, soweit ich das beurteilen kann."

"Verdammt. Dann vergiss, dass ich dich gefragt habe." Fiedler wirkte genervt.

Bevor Quentin etwas entgegnen konnte, betrat Frau von Radewitz wieder eilenden Schrittes den Raum. "Die Münzen sind echt. Wie erwartet."

Wenig später traten Sina und Fiedler wieder aus dem Toilettenhäuschen auf den Rathausplatz hinaus. Regen prasselte vom grauen Himmel, der Platz war menschenleer und auch von den fröhlichen Mädels des Jungesellinnenabschieds war nichts mehr zu sehen.

Unter dem schmalen Vordach klappte Fiedler den Kragen seiner Lederjacke hoch. "Ich denke, es wird Zeit, dass wir ein paar Dinge besprechen. Vielleicht sollte ich vorher aber noch ein paar Erkundigungen einziehen - alleine."

"Vergessen Sie's, Fiedler. Ich soll Sie nicht aus den Augen lassen, vor allem nicht in Durnburg ."

"Es gibt Orte, da bin ich alleine willkommen und in Ihrer Anwesenheit nicht."

"Ich kann verflucht unauffällig sein." Sina grinste.

"Nein, Verehrteste, tut mir leid, da wo ich hin will, ist Ihresgleichen nicht gerne gesehen - in welcher Gestalt auch immer."

"Dann bringe ich Sie eben bis vor die Tür. Und noch etwas, Fiedler, ich will Ihr Wort darauf, dass Sie keine weiteren Ermittlungen über Ihren Auftraggeber anstellen!"

In Fiedlers Stimme lag Unmut. "Ich bin kein Freund von Knebelverträgen - aber eine Wahl hab' ich wohl nicht. Sie haben mein Wort. Auf was für Überraschungen muss ich mich noch einstellen? Lassen Sie mich raten: Ich darf nicht versuchen, etwas über Sie herauszufinden und muss anderen gegenüber den Auftrag verschweigen."

"So in der Art - Sie scheinen sich ja auszukennen. Für alle Regeln gibt's natürlich Ausnahmen, wenn dadurch das Gelingen der Mission gefördert werden kann - die letzte Instanz bin wie immer ich."

"Über Sparsamkeit mit den Spesengeldern hat er offenbar nichts gesagt, wenn ich Ihr Verhalten eben richtig deute."

Von Sina kam keine Antwort - nur ein feines schiefes Lächeln.

Auch Fiedler grinste. "Wie wäre es mit einem Kaffee? Können Sie den Annehmlichkeiten des Geborenendaseins etwas abgewinnen?"

Sina nickte zustimmend "Worauf Sie einen lassen können. Ich folge Ihnen, Ortskundiger."

Nach einem kurzen missbilligenden Blick zum Himmel machte sich Fiedler mit schnellen Schritten und hochgezogenen Schultern auf den Weg über den Platz, um ein einer der Gassen zwischen den alten protzigen Patrizierhäusern zu verschwinden. Knapp hinter ihm, mit etwas gelangweiltem Blick folgte Sina (und nur wer genau hinschaute, stellte fest, dass kein Regentropfen ihre Bomberjacke oder gar sie selbst berührte).

To top

4 Verschlungene Wege

"Guten Tag, der Herr, was darf ich Ihnen bringen?" Mit professionell-freundlichem Lächeln fixierte der junge Kellner vom "Café Hinterhof" den lässig auf der gepolsterten Eckbank fläzenden Alexander Fiedler.

"Zwei doppelte Espresso bitte."

Ein kurzes Nicken, eine Notiz, dann waren Sina und Fiedler wieder alleine am Tisch in dem halbwegs gut besuchten Kaffee.

"Respekt, Fiedler, ich habe schon lange keinen Grenzgänger mehr erlebt, der von einem Kellner wahrgenommen wurde - müssen Sie am Schluss noch bezahlen?" Sina sah sich um. "Mal im Ernst - wieso bleiben Sie so nahe an der Normalität? Das muss doch höllisch schwierig sein?"

"Wissen Sie, mein Spezialgebiet sind Fälle, in die beide Seiten des Schleiers verwickelt sind - Grenzweltler und Normalos und da ist es ziemlich praktisch, wenn man von allen Beteiligten wahrgenommen wird. Allerdings reicht es nicht, wenn man ab und zu mal gesehen wird, sondern man muss halbwegs Teil des Systems sein. Ein Normalo will von einem Privatdetektiv wie mir auch mal 'ne Lizenz und 'nen Ausweis sehen und so Dinger sind auch tierisch nützlich, wenn man mit den Bullen auf der anderen Seite zusammenarbeiten möchte oder muss. Also ist es für mich quasi geschäftlich wichtig, so wenig Paradox anzuhäufen wie möglich. Sie verstehen?"

Fiedler setzte sich ein wenig auf und lehnte sich dann mit einem Ellbogen auf den Tisch zwischen ihnen.

"Wenn wir aber schon bei persönlichen Fragen sind, meine Liebe, lassen Sie mich doch ein bisschen in Ihrer Privatsphäre herumschnüffeln." Obwohl ein leichtes Lächeln in ihr Gesicht einzug hielt, stellten Sinas Augen sichtlich auf Fiedlers Gesicht scharf - messerscharf. "Ich bin kein Experte, was Beschworene angeht, aber ich habe schon ein paar von Ihresgleichen erlebt. Wenn ich überlege, wie Sie sich darstellen, sich geben, auf Menschen und Menscheleien reagieren, - verdammt, Sie trinken Kaffee - würde ich sagen, dass Sie wahrscheinlich keine Anderweltlerin und kein Konstrukt sind, sondern ein Geist dieser Welt. Für eine ruhelose oder verfluchte Seele sind Sie zu gelassen und positiv, für einen einfachen hilfreichen Geist haben Sie zu viel Biss. Außerdem scheinen Sie nicht besonders positiv Ihrem Beschwörer gegenüber eingestellt zu sein - eine generelle Abneigung gegen das Beschworenwerden oder eine persönliche Sache zwischen Ihnen und Herrn Unbehaun?"

Der Satz blieb im Raum stehen und beide warteten ab, bis der Kellner herangekommen war, zwei modern wirkende Kaffeetassen zwischen sie gestellt hatte und wieder verschwunden war.

"Sie sagen, Sie kennen sich mit unsereins aus, Fiedler? Dann erwarten Sie jetzt sicher keine Antwort. Was zwischen Herrn Unbehaun und mir ist, geht Sie nichts an. Lassen Sie uns doch über sinnvollere Dinge sprechen. Wie wollen Sie an die Sache heran gehen?"

Während Sinas Antwort hatte sich Fiedler eine der beiden Tassen geschnappt, mehrere Löffel Zucker hineinrieseln lassen und sich mit dem schwarzen Gebräu wieder zurück an die Wand gelehnt.

"Nun ja ..." ein gedankenverlorenes Schlürfen am Kaffee "... Bei allem, was ich über ihn weiß, gehe ich nicht davon aus, dass Herr Unbehaun mich ohne nähere Überlegung engagiert hat. Es ist anzunehmen, dass er die klassischen Wege, Frau Kirchner über Medien, Geisterbeschwörer und ähnliche Leichenschänder aufzuspüren schon so weitestgehend durchprobiert hat. Aber selbst wenn dem so sein sollte - wieso heuert er mich an? Weil ich ihm einen Gefallen schulde? Unwahrscheinlich, meinen Sie nicht? Vor allem, bei dem beachtlichen Aufwand, den dazu noch getrieben hat - das Siegel, Frau von Radewitz, Sie ..."

Ein weiterer Schlürfer Kaffee verschwand in Fiedlers Mund. Auch Sina hatte sich inzwischen die Tasse genommen, noch mehr Zucker hineingefüllt als Fiedler, umgerührt, genussvoll daran gerochen, genippt und sich dann mit spöttisch-erwartungsvollem Gesicht auf ihren Gegenüber konzentriert.

"Nein, Verehrteste, wie ich bereits zuvor schon sagte - Ihr Herr und Meister hat gerade mich für den Job ausgesucht, weil ich dabei war ... oder zumindest beinahe." Ein weiterer kleiner Schluck schwarzen süßen Espressos verschwand zwischen Fiedlers Lippen. "Wahrscheinlich wissen Sie das besser als ich: Dinge finden sich viel einfacher, wenn man ein Ende eines Fadens in der Hand hat, an dem sie hängen. Offenbar glaubt Unbehaun, ich hätte einen solchen Faden, oder würde leicht an einen kommen. Mal sehen, ob er damit richtig liegt."

Fiedlers Gesicht wurde ernst und er blickte auf das silberne Ziffernblatt der abgenutzten Uhr an seinem Arm. Zehn Minuten vor fünf. Noch etwas Zeit. Sein Blick wanderte wieder hinüber zu Sina und ihrer fast schon zärtlich gehaltenen Espressotasse. Ziemlich menschlich - eine Beschworene, die ein Faible für (zugegebenermaßen guten) Kaffee besaß und diesen zudem noch trank. Er fragte sich, wie alt die Dame wohl sein mochte. Jahrzehnte? Jahrhunderte? Jahrtausende? Beschworene waren schwer einzuschätzen.

Scheinbar in Gedanken versunken riss er einen schmalen Streifen Papier von einer der dünnen mit blassen Werbeaufdrucken versehenen Servietten ab und strich ihn auf dem dunkelbraun lackierten Holz des Cafétischs glatt. Dann griff er mit blinder Sicherheit in die rechte Innentasche seiner Lederjacke und zog seinen weißen abgegriffenen Kugelschreiber, mit dem er seinen Namen und das Wort "Heute" auf den dünnen Papierstreifen. Ein aufmerksamer Beobachter hätte dabei feststellen können, dass Fiedlers Hand dabei um ein mattschwarzes Objekt herumgreifen musste, das eine Pistole hätte sein können.

"Führen Sie Tagebuch?" Mit einer Mischung aus Coolness und Neugier neigte sich Sina etwas näher zum Tisch und konzentrierte ihre Aufmerksamkeit nicht mehr nur auf die Tasse in ihrer Hand. Ihre dunklen Augen funkelten vor Ironie.

"Ja, ich notiere mir, wie ich heute heiße. Wenn Sie sich vielleicht bei der Gelegenheit ein wenig nützlich machen wollen, dann könnten Sie beispielsweise einen Knopf auftreiben."

"Einen Knopf?"

"Einen Knopf. Wie in 'Hosenknopf'. Nicht zu groß - etwa so wie die Dinger an Ihrem Oberteil. Ob Plastik, Metall, Holz oder Horn ist mir egal ... ich hoffe, Sie haben die Erfindung des Plastiks nicht verpasst."

Mit unverholenem Amüsement lehnte sich Sina wieder in ihren Stuhl zurück. "Ein Knopf. Wenn das alles ist, was Sie brauchen, um glücklich zu sein. Ich hoffe, Sie leben daran jetzt keine seltsamen Perversionen aus ..." Sie begann, sich seitlich nach links zum Boden hinunterzubeugen.

Just in diesem Moment erlagen ein paar Polyesterfasern der mit jedem Waschgang stärker an ihnen zehrenden Materialermüdung und gaben nach. Der Faden, den sie ausmachten riss und gab den von ihm gehaltenen schwarzen schlichten Knopf den Kräften der Spannung und der Gravitation frei. Lautlos rutschte der Knopf das von Nadelstreifen gezierte Hosenbein hinunter, glitt über den Umschlag, prallte mit leisem Klicken auf den Boden, sprang einmal, zweimal, dreimal auf und rollte dann zwei Meter und dreiunddreißig Zentimeter.

Mit einer lässigen und eleganten Bewegung schlossen sich Sinas Finger um den Knopf und sie hob ihn auf und hielt ihn Fiedler hin. "Da. Sonst noch etwas?"

"Nein. Danke." Fiedler nahm den Knopf entgegen, wog ihn in der Hand und schätzte ihn mit prüfendem Blick. Dann befand er ihn für tauglich und umwickelte ihn erstaunlich flink mit dem Serviettenstreifen. Mit den Worten "So, Zeit dass wir gehen." erhob er sich dann, sah noch einmal kurz auf seine Armbanduhr und legte einen Geldschein auf den Tisch.

Sina, die (in einer weitaus eleganteren Bewegung) ebenfalls aufgestanden war, stutzte. "Sie zahlen in einem Normalo-Café?" Dann, nach einem kurzen Moment schien in ihrem Gesicht zum ersten Mal seit Fiedler sie gesehen hatte so etwas wie ein Funke von Sympathie. "Respekt."

"Natürlich zahle ich!" In Fiedlers Stimme lag beinahe Entrüstung. "Und natürlich ist es hart, das Paradox unten zu halten - aber hey, wenn's einfach wäre," er kniff ein Auge halb zu und grinste schief "dann würde es ja jeder machen."

Mit diesen Worten drehte er Sina den Rücken zu (die ihm eine genervte Grimasse schnitt) und machte sich auf den Weg zur Tür nach draußen, wo langsam der Regen abflaute. Mit fließenden Bewegungen ging ihm Sina hinterher, nickte höflich, als er ihr die Türe aufhielt und wartete scheinbar gelangweilt ins Cafés starrend, während Fiedler wieder einmal den Kragen seiner Lederjacke hochkrempelte. Drin hatte der junge Kellner offenbar die Abrechnung an seiner Stehkasse erledigt und bemerkte wohl gerade, dass die beiden Gäste am Ecktisch gegangen waren, ohne dass er kassiert hätte. Gerade als er eilig in die Richtung los laufen wollte, verloren seine Beinkleider den Halt und rutschten ein Stück nach unten - was seinem Bewegungsablauf zu einem slapstickartigen Stocken verhalf.

Abschätzig grinsend zog Sina die Stirn kraus und knurrte etwas wie "na da habe ich schon besseres gesehen", wandte sich vom Fenster ab, hinter dem der peinlich berührte Kellner gerade hastig in der Küche verschwand und folgte der im Grau des trüben Spätnachmittages verschwindenden Gestalt des Detektivs.

Es gab Tage, da war sich Fiedler sicher, jeden Pflasterstein in der Altstadt mit Vornamen zu kennen. Derzeit musste er sich aber mürrischt eingestehen, dass er etwas suchte und irgendwie nicht fand - dieser verdammte Regen spülte ihm offenbar den Verstand aus dem Kopf. Nach bestimmt zehn Minuten Fußmarsch durch die regennassen Gassen sah er dann vor sich, was er gesucht hatte. Bislang war er bemüht gewesen, möglichst zielstrebig zu wirken, um sich vor Sina keine Blöße zu geben, jetzt hatte er wirklich das Ziel vor Augen und ging schnurstracks auf den Zigarettenautomaten unter dem leckenden Vordach der verlassenen Bushaltestelle zu.

Unter Sinas leicht erstaunten, leicht genervten Blicken zog er den papierumwickelten Hosenknopf aus der Jackentasche, überprüfte noch einmal, dass die beschriftete Serviettenbanderole richtig saß und befürderte dann den Knopf in den Einwurf des Automaten. Aus dem Gerät drang leises mechanisches Klackern, dann rollte der Knopf samt Banderole wieder heraus. Ohne eine Miene zu verziehen nahm ihn Fiedler wieder auf und warf ihn noch einmal ein. Beim dritten Versuch schließlich verblieb der Knopf in den Eingeweiden der Maschine und Fiedler schien zufrieden.

"So. Auf zu Uhlenbrock, die haben nur bis 18:00 geöffnet - und ich will den guten Balthasar nicht aus seinem wohlverdienten Feierabend klingeln."

"Was auch immer Sie sagen - und Glückwunsch zu Ihrer Entscheidung lieber nicht rauchen zu wollen, das ist viel gesünder. Dabei hätte ich gedacht, dass der Trick mit dem Knopf schon seit fünfzig Jahren nicht mehr funktioniert..." Sina klang gelangweilt und fast schon maulig.

"Wissen Sie, anders als Sie bin ich sowohl in dieser Stadt als auch in diesem Jahrhundert zuhause. Vertrauen Sie mir - ich weiß schon, was ich tue. Kümmern Sie sich lieber weiter darum, ihre mühsam manifestierte Haut nicht nass werden zu lassen!"

"Wer ist dieser früh zu Bett gehende Uhlenbrock?"

Fiedler grinste in sich hinein. Sieben Minuten und zwölf Sekunden war seine Begleiterin beleidigt gewesen bis die Neugier gesiegt hatte. Bei aller Stichelei - ihre Menschlichkeit und ihre Reaktionen machten es ihm leicht, sich mit dem Gedanken ihrer Anwesenheit anzufreunden. Immer wieder ging ihm durch den Kopf, dass er schon viele weitaus schlimmere Beschworene erlebt hatte - und die meisten davon hatten einen auf "guter Geist" gemacht. Dieses Exemplar hier war offenbar einfach so, wie sie war - unverholen Beschworene und unverholen Mensch. Natürlich spielte sie nicht mit offenen Karten (wer schon?), aber wenigstens tat sie nicht so als ob. Trotzdem musste er sie für einige Zeit loswerden

"Uhlenbrock? Ach ein alter Bücherfritze. Ihm gehört die Buchhandlung da drüben!" Mit der linken Hand gestikulierte er in Richtung eines ehrwürdig wirkenden Altstadthauses, dass sich zwischen zwei pastellfarben renovierten Häusern mit dem mangelndem Charme der 60er Jahre einzwängte. In den relativ kleinen und altmodisch wirkenden Schaufenstern zur Straße hin lagen Reihen um Reihen von Büchern und über dem Eingang des Gebäudes prangte eine metallene Eule, die in ihren Klauen einen Handspiegel hielt über dem Schriftzug "Uhlenspiegel - Buchhandlung und Antiquariat".

In Erwartung eines spitzfindigen Kommentars drehte sich Fiedler zu Sina um und war überrascht festzustellen, dass sie das Gebäude mit großen Augen ansah.

"Balthasar Uhlenbrock - das ist der Spiegelmagier im Hinterzimmer, nicht wahr? Danke, Herr Fiedler, da gehen Sie alleine rein."

Jetzt war es an Fiedler, verblüfft zu sein. "Sie kennen Uhlenbrock?"

"Flüchtig. Ich hatte schon einmal das Vergnügen und bin damals glücklicherweise nicht in seinem Spiegel geendet. Allerdings verzichte ich gerne auf das Erlebnis. Sie haben Ihr Wort gegeben, überflüssiges Misstrauen ist meiner Ansicht nach nicht angebracht. Ich warte hier draußen."

Das war ja einfach. Mehr war nicht nötig, um seine Verfolgerin loszuwerden?

"Na dann hole ich Sie nachher hier wieder ab - die Straße rauf ist 'n Mac und gegenüber noch ein Café. Wenn Sie hier nicht sind, suche ich Sie da und wenn Sie da nicht sind, mache ich alleine am Auftrag weiter."

Sina nickte, lehnte sich an eine der auf alt gemachten Straßenlaternen im Schmiedeeisen-Look, verschränkte die Arme und materialisierte einen Kopfhörer auf ihren Ohren.

Das Innere der Buchhandlung Uhlenspiegel war alles andere als übersichtlich. Hier gab es keine Tische mit ausgelegten Bestsellern und daran angelehnten aber weniger erfolgreichen Trittbretfahrern, statt dessen stand alles voll mit hohen Regalen, vom Boden bis zur Decke gefüllt mit Büchern gebunden in Karton, Papier, Tuch oder Leder. Ein paar Schritte vom Eingang entfernt war ein kleiner Kassentisch, hinter dem eine junge Frau mit kurzen aschblonden Haaren und mäßig geschmackvoller Kleidung Fiedler freundlich zunickte, bevor sie sich wieder einem Bücherstapel zuwandte und Preisschilder aufklebte.

Zielstrebig suchte Fiedler seinen Weg durch das Labyrinth der verschiedenen mit Literatur unterschiedlicher Art und Thematik vollgestopften Räume, stapfte die schmalen ausgetretenen Stufen eine alten Holztreppe hinauf in den ersten Stock und hielt inne. Während im Erdgeschoß doch einige Kunden (vornehmlich Studenten und andere Sucher von Fachliteratur) in den Regalschluchten gestanden hatten, war der erste Stock für gewöhnlich fast menschenleer. Eigentlich entsprach das Konzept der Buchhandlung Uhlenspiegel voll und ganz Fiedlers Geschmack: Seit die beiden "jungen" Uhlenbrocks das Geschäft übernommen hatten, richtete sich ein guter Teil des Buchangebotes in Form von Fachliteratur verschiedenster Gebiete auch an Normalos und gewährte damit sowohl ein gewisses Einkommen als auch die Präsenz des Hauses in der normalen Welt, während im ersten Stock eher antiquarische Bücher standen, für die sich nur wenige Normalbürger interessierten. Hinter diesen verborgen waren zwei Dinge: mehrere Räume mit Grenzgängerliteratur (Encyclopädien, Magiebücher, Chroniken, ...) und Fiedlers eigentliches Ziel: das Büro von Balthasar Uhlenbrock.

Nach kurzem Umsehen und Orientieren setzte sich Alexander Fiedler wieder in Bewegung und ging zwischen den Regalen entlang, einem unsichtbaren Pfad folgend mal links abbiegend, mal ein Regal umrundend und dann wieder innehaltend, um ein Buch in die Hand zu nehmen und wieder zurückzustellen. Schließlich endeten seine Schritte vor schweren dunkelbraunen Holztüre, eingerahmt von Regalen mit dicken, ledergebundenen und gleichzeitig abgewetzt und würdevoll anmutenden Wälzern. Er schüttelte kurz den Kopf: in den letzten Monaten war es deutlich komplizierter geworden, die Türe des alten Uhlenbrock zu erreichen - offenbar rutschte dieser immer weiter von der Normalität weg und immer näher an die Grenze heran. Wenn Balthasar nicht etwas Vorsicht walten ließ, dann lief er Gefahr, zusammen mit seinem Büro irgendwann "aus der Welt" zu fallen und überhaupt nicht mehr Teil davon zu sein. Andererseits wusste Uhlenbrock immer selbst am besten, was er tat ...

Achselzuckend wischte Fiedler alle Bedenken hinweg und klopfte an. Ein paar Atemzüge vergingen, dann drang durch das dämpfende Holz der Türe die tiefe rauhe Stimme eines alten Mannes. "Kommen Sie rein, Herr Fiedler!"


Die Atmosphäre in Uhlenbrocks Büro war geprägt von dicken Teppichen, vollgestopften Regalen vor denen sich weitere Bücher stapelten und dem leichten aber allgegenwärtigen Aroma von Pfeifenrauch. Durch das einzelne kleine Fenster drang ein trüber Strahl Tageslicht, in dessen Licht der gesamte Raum irgendwie trist wirkte. Balthasar Uhlenbrock, ein mittelgroßer Mann mit grauem Haarkranz, ordentlich gestutztem Bart, dicken Brillengläsern und tief von Sorgen, Leben und Lachen zerfurchtem Gesicht saß hinter einem riesigen, alten, schwarzen Schreibtisch, dessen mächtig aufragende Front wie eine Festungsmauer mitten im Raum wirkte. Ihm gegenüber nahm ein großer (bestimmt anderthalb auf zwei Meter messender) Spiegel in einem silbernen mit Zeichen übersähten Rahmen den Großteil der Wand ein und hatte dort die sonst allgegenwärtigen Bücherregale verdrängt.

"Hallo Herr Uhlenbrock. Grässliches Wetter, was?" Fiedler grinste und schloss die Türe hinter sich.

Uhlenbrock erhob sich höflich von seinem Stuhl, winkte Fiedler heran und wies auf einen üppig gepolsterten Stuhl vor den Schreibtisch "Das wird auch noch ein paar Tage so weitergehen, wenn ich meinen Augen trauen darf - aber Sie sind sicher nicht wegen des Wetterberichtes gekommen."

"Nein Balthasar, mit Sicherheit nicht." Nach einem kurzen aber herzlichen Händeschütteln ließ sich Fiedler mäßig elegant in den angebotenen Gästestuhl plumpsen. "Ich habe mal wieder einen Suchauftrag, bei dem Sie mir mal wieder unschätzbar hilfreich sein können."

"Worum geht's?" Doch Fiedlers Aufmerksamkeit wurde ein wenig abgelenkt von einer Konstruktion aus Schmiedeeisen, die eine stilisierten Baum darstellte, an dessen Ästen elf kleine in Metall gefasste Spiegel hingen. In einigen der silbrigen Oberflächen bewegten sich schemenhaft die Umrisse von Gesichtern, während andere davon einfach nur spiegelten.

Ein kurzes Leuchten ging über Uhlenbrocks Miene, als er Fiedlers Blick bemerkte. "Es ist noch nicht ganz fertig. Sie erinnern sich an die paar Kleinigkeiten, die Sie mir neulich organisieren sollten? Die sind da mit drin."

"Die Kundin, deren Enkel Normalos sind und die Andenken von ihnen haben wollte?" Fiedler lachte leise. "Wenn sie sie auf diese Art und Weise im Auge behalten will, dürfte sie einige der Spiegel wahrscheinlich in einem oder zwei Jahren abhängen wollen - ein paar der Bälger halten deutlich auf die Pubertät zu. Da tun die erfahrungsgemäß Dinge, bei denen Oma nicht zuschauen sollte oder möchte. Aber Respekt - die Arbeit ist genial!"

Auch Uhlenbrock grinste verschmitzt. "Tja, das kostet auch ein kleines Vermögen. Sie haben jedoch Recht - ich will nicht so genau wissen, was meine Enkel die ganze Zeit tun, selbst wenn ich die Mittel habe, das zu überprüfen. Aber wenn die gute Frau mit dem Verhalten ihrer Enkel nicht zufrieden ist, kann ich ihr ja als Ergänzung noch einen kleinen Schutzgeist einbinden, der das Bild gelegentlich ausblendet. Jetzt aber wirklich, Alexander, was kann ich für Sie tun?"

"Nun, nichts Großes - ein paar Einblicke innerhalb Durnburgs. Keine Indiskretionen. Ach ja - vielleicht noch eine Kleinigkeit dazu, aber das hängt von dem ab, was wir sehen."

"Darf ich das mit den Enkel-Andenken verrechnen?"

"Dürfen Sie gerne." Fiedler und Uhlenbrock verband eine ausgeprochen lange Liste von gegenseitig erwiesenen und geschuldeten Gefallen - zu Fiedlers Glück, denn Uhlenbrock wusste nur zu gut, was seine Fähigkeiten wert waren und gegen manche seiner Preise waren die Dienstleistungen von Griselda von Radewitz geradezu Sonderangebote.

Zufrieden und neugierig lehnte sich Uhlenbrock mit den Ellenbogen auf seinen Schreibtisch. "Dann legen Sie los, alter Freund, was wollen Sie sehen?"

"Ich hätte gerne die Information, ob sich Till Haubold derzeit in Durnburg befindet. Dabei will ich nicht wissen wo, nur ob - wir haben da eine Abmachung. Außerdem wüsste ich gerne die aktuellen Aufenthaltsorte zweier namentlich bekannter Personen: Björn Leymann und Finn Steinmeier."

"Dann wollen wir mal sehen." Uhlenbrock lehnte sich zurück und schloss die Augen, während sich Fiedler zu dem großen Spiegel umwandte.

Für einen kurzen Moment starrte der Detektiv seinem eigenen Spiegelbild entgegen und nahm am Rande wahr, dass sein Aussehen nach diesem Regentag eher dem eines begossenen Terriers ähnelte als dem scharfsinnigen Privatschnüffler, als den er sich sah. Bevor er sich jedoch über diese Tatsache ärgern, geschweige denn etwas an ihr ändern konnte, wurde das zuvor klare Glas des Spiegels milchig trüb, als hätte ein unsichtbarer Riese dagegengehaucht. Jedoch währte auch dieser Zustand nicht lange und in Wellenringen von innen nach außen, wie ein Tropfen, der in einen stillen Bergsee fällt, breitete sich glänzende Schwärze über die Fläche aus.

Als der gesamte Spiegel von schimmerndem Schwarz ausgefüllt war, erklang Uhlenbrocks Stimme von hinter dem Schreibtisch: "Ihre erste Frage muss ich mit einem uneindeutigen Nein beantworten: Till Haubold hält sich entweder nicht in der Stadt auf oder er hat Vorkehrungen getroffen, um nicht über magische Mittel aufspürbar zu sein."

Fiedler brummte eine unwillige Bestätigung. Ein alter Hase unter den Grenzgängern, wie Haubold einer war, hatte sowohl Gründe als auch Möglichkeiten, sich vor einfacher Wahrnehmungsmagie, wie sie Uhlenbrock gerade einsetzte zu verstecken. Für seine Belange war es aber gleichgültig, ob Haubold abwesend oder beschäftigt war - in beiden Fällen konnte er nicht auf ihn zurückgreifen.

Mittlerweile hatte eine erneute Wellenfront ihre Kreise über den Spiegel gezogen und das Bild zeigte nun das Bild eines gepflegt wirkenden, etwa 30 Jahre alten Mannes, der auf einem einfachen Bett in einen recht kahlen Raum lag und in einem Buch las. Fiedler verdrehte die Augen. "Vergessen Sie es, Balthasar, natürlich sitzt Leymann noch seine Haftstrafe ab. ich muss verdrängt haben, dass er eingebuchtet wurde - und im Gefängnis ist er mir sowas von unnütz."

"Gut, dann wechsle ich zu Steinmeier. Wie war gleich der Vorname?"

"Finn."

"Ah ja. Gut. Das ist eindeutig in dieser Stadt."

Ein weiterer Wellenschlag, ein weiterer Bildwechsel und im Spiegel zeigte sich das Abbild eines Mannes Mitte zwanzig mit unbändigen langen krausen Haaren, der in einer zerschlissenen und völlig durchnässten Jeansjacke auf dem Schoß einer gußeisernen Frauenstatue saß und mit Steinen nach ein paar Möwen warf. Unter ihm zogen die grün-grauen Fluten der Elm ihren Weg in Richtung Meer und vor ihm spannte sich in schmalem eleganten Bogen die moderne überdachte Plastik-, Glas- und Betonkonstruktion der Neuen Schlosserbrücke durch das Bild.

"Na bitte. Wenigstens einer, der wirkt, als hätte er nichts besseres zu tun!" Fiedlers Stimme schwankte zwischen Sarkasmus und Zufriedenheit. Dann runzelte er die Stirn. "Ahm ... Sie sind doch immer bestens informiert, Balthasar. Hat die Neue Schlosserbrücke denn noch den Troll?"

"Ja, soweit ich unterrichtet bin schon. Soll ich ihn ins Bild holen?"

"Nein, nicht nötig. Mit dem kriege ich keine Probleme." ...und Finn offenbar auch nicht, fügte er unausgesprochen hinzu.

"Eine Kleinigkeit vielleicht noch: Könnten Sie mir einen kurzen Ausblick von den Ausgängen der Buchhandlung geben? Ich möchte wissen, wo sich meine Begleiterin und Aufpasserin gerade aufhält."

Uhlenbrock lachte trocken. "Ich kann Sie auch gleich auf die Brücke bringen, wenn Ihnen damit geholfen ist. Damit wären Sie eine Verfolgerin sicherlich los."

"Danke, aber das ist für meine Möglichkeiten zu paradox. Vielleicht komme ich aber auf den Vorschlag zurück und lasse mich in die U-Bahn-Station hinter Ihrem Haus bringen."

Der Spiegel trübte sich erneut und zeigte nun zwei Bilder nebeneinander, deren Grenze in einem unscharfen Streifen verlief. Auf beiden Hälften sah man ein unterschiedliches Stück Straße - jeweils vor und hinter dem Buchgeschäft. Was einem Normalmenschen allerdings merkwürdig vorgekommen wäre, war die Tatsache, dass auf beiden Bildern die selbe schwarzhaarige orientalisch anmutende Frau mit schwarzer Bomberjacke zu sehen war, die einmal an einem Laternenpfahl und einmal an einer Hauswand lehnte. Sina.

"Das ist Ihre Begleiterin?" Uhlenbrocks Stimme zeugte von völliger Überraschung. "Na dass diese Dame an zwei Orten gleichzeitig sein kann, das überrascht mich nur wenig! Wissen Sie, was Sie sich da eingehandelt haben, Alexander?"

"Sie kennen sich? Irgendwie erklärt das einiges ..."

"Wir hatten geschäftlich miteinander zu tun. Lief alles klaglos und ohne Probleme. Allerdings konnte ich nicht umhin, die spezielle Natur der Dame zu bemerken. Wenn ich meinen Augen und meinem Spiegel trauen darf, handelt es sich bei ihr um einen Geist aus der Domäne des Menschen. Mittleres Kaliber für eine Beschworene, wenn man so etwas überhaupt richtig einschätzen kann, mit einer Aura, die nach einer ziemlich seltenen oder alten Form von kollektiver Magie aussieht. Irgendetwas Schamanistisches oder Animistisches, so genau kann ich das nicht sagen. Allerdings ist der Grund dafür, dass ich mich noch so deutlich an sie erinnere die faszinierende Form von konsentueller Blutmagie, aus der ihre Grundessenz besteht. Die Dame ist magisch gesehen aus ganz schön hartem Holz und wahrscheinlich wesentlich älter, als sie aussieht - ich würde auf vierstellig tippen." Uhlenbrock grinste verschmitzt. "Aber das wissen Sie wahrscheinlich schon, Alexander. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ihr", er deutete auf Sina, "klar ist, dass ich sie kein zweites Mal vor meinem Spiegel brauche, um so viel über sie herauszufinden."

"Tja, ich hatte schon vermutet, dass sie nicht auf den Anblick ihres Spiegelbildes erpicht wäre, aber in diesem Fall..." Fiedlers anfängliches Erstaunen war einem professionell amüsierten Ton gewichen. "Sie hat nämlich ernste Vorbehalte dagegen, Ihre Räumlichkeiten zu betreten."

"Das finde ich ja fast schon betrüblich. Mir war nicht klar, dass ich eine solche Wirkung auf meine Geschäftspartner habe!" Über Uhlenbrocks Gesicht zog sich gespieltes Bedauern gemischt mit schelmischem Grinsen. "Ich nehme an, Sie würden das Gebäude gerne verlassen, ohne Ihre liebreizende Begleiterin darüber in Kenntnis zu setzen?"

"Da liegen Sie mal wieder vollkommen richtig.""Dann lassen Sie uns doch einmal einen Blick in die U-Bahn Station werfen..." Erneut schloss Uhlenbrock die Augen und das Spiegelbild wallte kurz auf. Diesmal verfestigte es sich als eine leuchtstoffröhrenfahle Ansicht der Haltestelle 'Brechtstraße' der Durnburger U-Bahn. Einige Pendler standen auf dem Beton des Bahnsteigs, ein Mädchen kämpfte mit dem altersschwachen Getränkeautomaten und auf einer der vier Bänke schlief ein verwahrlost wirkender Mann. Kein Zeichen für Sinas Anwesenheit."Die Luft wirkt rein." konstatierte Fiedler leicht angespannt."Soll ich Sie dorthin versetzen? Es wäre sogar im Preis inbegriffen...""Sie haben gut reden, Balthasar, Ihnen ist Ihr Paradox ja offensichtlich nicht so wichtig."Uhlenbrock blickte Fiedler ernst und irgendwie triumphierend an. "Für Sie mag es ja sein, dass die Normalität mit ihren Verträgen, Gesetzen und ihrer Verwaltung eine notwendige Unannehmlichkeit darstellt, aber ich habe mich lange genug mit Steuern und Lizenzen herumgeschlagen. Wissen Sie, Alexander, seit mein Sohn den Laden übernommen hat, gebe ich zwar Acht, dass ich Teil seines Lebens - und damit in der Normalität verankert - bleibe, ansonsten kann mich die Normale Welt am", er stockte, "... ersparen Sie mir das Goethe Zitat, ja?" Der alte Mann hatte sich ein bisschen in Rage geredet und fing sich wieder, während Fiedler gleichzeitig etwas perplex und belustigt wirkte. "Also was ist nun? Wollen wir?""Sehr gerne!" Fiedler stand auf. "Es war mir ein Vergnügen, Herr Uhlenbrock - und besten Dank!"Von einem Moment auf den anderen änderte sich die Charakteristik des Spiegels: hatte zuvor keiner der beiden Männer im Raum eine Reflektion besessen, zeigte sich nun auf einmal ein deutliches Spiegelbild von Fiedler überlagert mit dem Bild des Bahnsteigs. Dann, genau im Moment zwischen zwei Wimpernschlägen, verschwand Fiedler aus Uhlenbrocks Büro. Einige Augenblicke sah Uhlenbrock im Spiegel zu, wie der Detektiv im Spiegel blinzelte bis sich seine Augen an das ungewohnt grelle Licht auf dem Bahnsteig gewöhnt hatten. Schließlich schnalzte er kurz mit der Zunge schüttelte leicht den Kopf und wandte sich erneut dem metallenen Baum mit den daran baumelnden Glasplättchen zu. "Reisende soll man nicht aufhalten ... lassen."

To top

5 Brückenschläge

Als sich die Türen der U-Bahn hinter ihm geschlossen hatten, fiel ein wenig Anspannung von Fiedler ab. Sina loszuwerden war in etwa so schwierig gewesen, wie er erwartet hatte - obwohl er den Trick mit ihrer mehrfachen Anwesenheit vor den Ausgängen der Buchhandlung als ausgesprochen stilvoll empfand. Wahrscheinlich eine Illusion in irgendeiner Form - für so mächtig hielt er sie nicht - aber eben stilvoll. Fast schon schade, dass er sie abhängen musste. Routiniert blickte er auf die Streckenanzeige des Wagens. Laupertshafen. Noch zwei Stationen.

Die Informationen, die er von Uhlenbrock erhalten hatte, legten für ihn seine nächsten Schritte fest. Von den vier Männern, die bei Astrid Kirchners Tod dabeigewesen waren - also Haubold, Fechtner, Leymann und Steinmeier - war die Auswahl an potentiellen Mitstreitern nicht besonders groß. Gut, Haubold wäre nicht nur eine Person mit "Verbindung" zu Kirchners Tod gewesen, sondern auch noch ein alter Kampfgefährte, dessen Hilfe sicherlich gelegen gekommen wäre - aber er war nun mal nicht schnell auffindbar und zudem musste er auch nicht zu viel über Fiedlers Verpflichtungen erfahren. Was Fechtner anging - nun ja, er hatte ihn gefragt, aber sein Vertrag mit der von Radewitz war offenbar eindeutig, was Verknüpfungen und rituelle Verbindungen anging. Natürlich könnte er Leymann aus dem Knast holen, aber das wäre einerseits aufwändig und andererseits ein Verstoß gegen die Regeln der Normalität gewesen: an einem Ort wie einem Gefängnis fiel die Abwesenheit eines Gefangenen in der Regel recht schnell auf. Also musste der Gute wohl dort bleiben. Damit blieb noch Steinmeier. Im Grunde genommen war er sowieso die beste Wahl: noch relativ neu an der Grenze, ohne besondere Verbindungen oder Verpflichtungen, offenbar nicht besonders beschäftigt und (wenn Fiedler seiner Erinnerung und Menschenkenntnis trauen durfte) damals leicht in die Kirchner verknallt. Der ideale Kandidat für die Rolle als Helfer, Scherge und Bauernopfer. Hey, wenn er das überlebte, könnte es ihm sogar etwas bringen!

"Schlosserbrücken, Einkaufsgebiet Westufer" Der säuselnde Klang der synthetischen Frauenstimme aus dem U-Bahnlautsprecher riss Fiedler aus seinen Überlegungen und er machte sich hastig daran, zur Türe zu kommen, um aussteigen zu können.

Draußen auf dem Bahnsteig umfing ihn kühle Luft mit einer Mischung aus Nicht-Stickigkeit und Gestank von Hydrauliköl, Ozon und Menschen, wie man sie nur in U-Bahnhöfen findet. Zielstrebig steuerte Fiedler die Reihe von Snack- und Getränkeautomaten in der Mitte der Station an, kramte ein fünfzig Cent Stück aus seiner Jackentasche und versenkte es im verkratzten Münzschlitz eines kampferprobt wirkenden Automaten. Mit leicht angewidertem Gesichtsausdruck studierte er dann das Angebot, betätigte eine Auswahltaste und entnahm den von der Maschine pflichtgemäß, wenn auch zögerlich ausgeworfenen Schokoriegel. Nach einem sichernden Blick über die Schulter riss er die dünne Plastikfolie der Verpackung auf, inspizierte den Inhalt gründlich, bevor er schließlich mit leisem, ungeduldigen Fluchen Riegel und Verpackung in den Hut eines neben den Automaten schlafenden Penners beförderte. Nie ging es schnell, wenn es mal schnell gehen musste.

Immer noch leicht gereizt bahnte sich Fiedler seinen Weg zu den Rolltreppen, ignorierte das dort angebrachte "außer Betrieb"-Schild und eilte die stillgelegten Metallstufen hinauf zum trüben Licht der Oberwelt. Unbehindert von den Menschenmengen, die sich die Treppe hinauf- und hinunterdrängten, war der obere Treppenabsatz schnell erreicht und nach einem weiteren schnellen Blick nach eventuellen Verfolgern folgte Fiedler dem von hier aus bis zur Neuen Schlosserbrücke führenden Fußweg mit dem relative Trockenheit versprechenden Plexiglasdach.

 

Für einen Grenzgänger war das Leben in Durnburg relativ entspannt - jedenfalls verglichen mit dem in anderen Städten. Ein Vertrag (der "Durnburger Kontrakt") hielt die größeren Gruppierungen und Organisationen der Grenze davon ab, sich unmittelbar gegenseitig zu zerfleischen und wenn man außerhalb ein paar gefährlicher Gebiete blieb, war auch die lokale Monstrositätenfauna einigermaßen harmlos. (Einmal abgesehen von den gelegentlich zuwandernden Freaks wie Werwesen oder Schattenfressern, die aber meist recht flott von der wohlorganisierten lokalen Bevölkerung unschädlich und/oder nützlich gemacht wurden.)

Zu den Orten, die man als Bewohner der Durnburger Grenze vorzugsweise mied, gehörte die Neue Schlosserbrücke. Bereits während ihres Baus hatte sich dort ein besonders hartnäckiger und gleichermaßen mächtiger wie sturer (und damit magieresistenter) Troll eingenistet, der sich bislang allen Neutralisierungsversuchen widersetzen konnte. Das Problem dabei, einen Brückentroll loszuwerden war, dass sich diese grobschlächtigen Repräsentanten des Feenvolks die Brücke zu ihrer Domäne machten und dort damit nahezu uneingeschränkte Einflussmöglichkeiten hatten, die eigentlich nur durch die (glücklicherweise eng begrenzte) Fantasie des Trolls limitiert waren.
Fazit: Um einen Brückentroll endgültig loszuwerden, musste oft die komplette Brücke abgerissen werden.

Fiedler stand nun also am Fuß einer solchen trollverseuchten Brücke, zögerte kurz, machte dann aber einen entschlossenen Schritt hinüber auf den Beton des Brückenkörpers. Wie erwartet spürte er für einen Moment die vage Präsenz von etwas großem, schnüffelnden, übelriechenden - dann war das Gefühl vorbei, ohne dass sich ein Troll irgendwo gezeigt hätte. Er feixte. Tja, Trolle verwendeten eben auch nur Magie - und die konnte ihn nun mal nicht finden. Vergnügt machte er sich auf den Weg zum Höhepunkt des schmalen Brückenbogens über die Elm. Dort ragte vorne auf einer Aussichtsplattform der schwarze Eisenleib der Statue aus der Betonkonstruktion hinaus auf deren Schoß wiederum als kleiner heller Fleck Finn Steinmeier saß, in irgendwelchen Regentagträumen versunken.

Wie tief diese Versenkung tatsächlich war, stellte Fiedler fest, als er schließlich den Apex der Brücke erreicht hatte: Mit leerem mürrischem Blick starrte Steinmeier ihm entgegen und durch ihn hindurch. Na ja, so viel Zeit würde sein müssen. Sarkastisch grinsend aber mit gelegentlichen Blicken nach links und rechts nach eventuellen Verfolgern (oder Trollen) lehnte er sich vor Finn an die Brüstung der Brücke.

Nach geschlagenen zwei Minuten war es dann so weit: Mit einer Mischung aus Erkennen, Erstaunen und bösen Vorahnungen weiteten sich Steinmeiers Augen und man konnte sehen, wie sein Gehirn im Trüben der Erinnerung nach einem Namen fischte, denn seine Lippen schließlich aussprachen: "Alexander Fiedler."

 

Hoch über den Dächern Durnburgs zog ein Falke seine Kreise am technicolorgrauen Himmel. Von den herabregnenden Tropfen ungestört und unberührt war alle Konzentration des Tieres auf ein Ziel gerichtet: die Jagd nach Alexander Fiedler.

Ein wenig hatte sie ihn unterschätzt (oder vielmehr nicht ihn selbst, sondern diesen Uhlenbrock) doch es wäre doch gelacht, wenn sie seiner nicht bald wieder habhaft werden könnte. Jedenfalls hatte sie so herausgefunden, was von ihm zu halten war. Sicher, sein gegebenes Wort würde er irgendwie retten können und sich geschickt herausreden - den Spielraum hatte sie ihm schließlich gelassen. Aber offenbar war das Vertrauen und die Sympathie, die Fiedler Unbehaun entgegen brachte noch eine Spur geringer, als sie es vermutet hatte. Oder aber, er hasste es einfach, bespitzelt zu werden.

Nichts desto trotz war er ihr entwischt und hatte sogar den Trick mit der Mehrfachpräsenz umgangen. Als ihr klar geworden war, dass er sie gelinkt haben musste, hatte sie sofort alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel genutzt, ihn wieder aufzuspüren. Doch wie findet man mit Hilfe von Magie einen Mann, der von Magie nicht betroffen wird? Allerdings wurde man auch als Beschworene nicht so alt wie Sina es war, ohne ein paar Dinge zu lernen...

Irgendwo unter dem grauen Mantel der verregneten Stadt wurde ein Name ausgesprochen: "Alexander Fiedler". Die Worte taumelten durch die Luft und der Wind wehte ihre Bedeutung vor sich her, hinauf, bis dorthin, wo Sina in Falkengestalt ihre Bahnen zog und mit ihren magischen Sinnen auf eben diese Worte lauerte.

Zwei kräftige Flügelschläge gegen den Sturm, ein Schrei des Triumphs verhallte, dann stieß der Raubvogel vom Himmel, hinab auf einen schmalen glänzenden Streif, der sich über die grüngrauen Fluten der Elm zog - hinab auf sein Ziel.

"Schön, dass Sie sich noch an mich erinnern, Herr Steinmeier!" Fiedler bemühte sich, möglichst freundlich und verbindlich zu klingen.

"Vergessen werde ich Sie wohl kaum, schließlich haben Sie mich ja durch einschneidende Momente meines Lebens begleitet - oder sollte ich sagen: Sie maßgeblich daran beteiligt, dass ich auf diesem verdammten Abstellgleis der Realität gelandet bin?" Der Regen rann in dünnen verzweigten Strömen aus Finns völlig durchnässter Haarmähne über sein Gesicht, als er sich trotzig aufrichtete. "Weshalb tauchen Sie hier denn jetzt auf? Wollen Sie noch etwas von mir? Meine Seele? Oder muss ich Sie dadurch enttäuschen, dass ich eigentlich nicht vorhatte von der Brücke zu springen?"

Im Laufe seines Lebens war Fiedler schon viel zu oft angefeindet worden, um sich von Finns Worten auch nur ansatzweise berühren zu lassen. "Erstens, mein werter Herr Steinmeier, war es Ihre eigene Entscheidung, zur Welt der Grenze überzutreten und nicht in der Normalität zu verbleiben - diese Wahlfreiheit haben nicht viele. Zweitens habe ich Ihnen Verbindungen verschafft, mit deren Hilfe Sie durchaus in der Lage hätten sein müssen, zumindest ein einigermaßen geregeltes Leben als Grenzgänger zu führen, wozu ich mitnichten verpflichtet war und drittens ..." Fiedler legte eine kleine Kunstpause ein "... drittens möchte ich Ihnen ein Geschäft vorschlagen, bei dem für Sie vielleicht mehr als nur ein materieller Gewinn herausspringt."

"Verbindungen? Meinen Sie etwa diese schäbige Wohnung, in die Sie mich einquartiert haben und wo mich ständig diese Typen mit ihren komischen Fragen heimgesucht haben? Die mich gelöchert haben, damit sie herausfinden, was meine beschissene Gabe ist, damit sie sie für ihre eigenen Zwecke einsetzen können? Ich sage Ihnen mal was, Herr Fiedler: Ich bin keine Ressource, die ihre Freunde für irgendetwas einsetzen können. Ich bin Finn Steinmeier. Ich bin Künstler, ich bin Schauspieler - und bis ich in Ihre komischen Geschäfte verwickelt wurde, war ich ein Star!"

Es war Finn einigermaßen egal, wie vernünftig oder fair seine Vorwürfe und Anschuldigungen sein mochten. Er musste irgendjemanden anschreien und für seine Misere verantwortlich machen - und Fiedler war gerade zu da. Außerdem gab es sicherlich Menschen in der Stadt, die unschuldiger an dem ganzen Dreck waren.

Gerade holte er zu einer weiteren Schimpftirade aus, um Fiedler zuvor zu kommen, der offenbar ebenfalls etwas sagen wollte, da glitt plötzlich aus dem Dämmergrau des Himmels die schnittig schmale Silhouette eines Raubvogels zwischen zwei Brückenpfeilern hindurch und landete neben Fiedler auf dem glattpolierten Edelstahlgeländer. Beide Männer drehten überrascht und verblüfft ihre Köpfe zu dem nun dort sitzenden schwarzglänzenden Falken, da wurde dessen kleine Gestalt ohne jeglichen Übergang ersetzt durch die einer schlanken dunkelhaarigen Frau mit engen Jeans, Bomberjacke und Blicken, die Fiedler eigentlich dazu veranlasst haben müssten, freiwillig in Staub zu zerfallen.

"Tja, einen Versuch war's wert." Man musste Fiedler zugestehen, dass er trotz der etwas ungewöhnlichen Entwicklung der Ereignisse die Fassung behalten hatte. Die wütende aber noch wortlose Sina ignorierend, wandte er sich an Finn: "Herr Steinmeier, dass ist meine Geschäftspartnerin Sina..." Er machte eine vorstellende Geste. "... und Sina, das ist Finn Steinmeier, ein Bekannter von mir, der uns bei der anstehenden Sache sehr nützlich sein könnte - wenn wir ihn zur Mitarbeit überreden können."

"So schnell kommen Sie mir nicht davon, Fiedler!" Sina schäumte vor Wut. "So eine Sache, wie mit dem Bücherladen kommt nicht wieder vor, haben Sie das verstanden?" Fiedler schaute ihr gelassen ins Gesicht, was sie offenbar noch weiter in Rage brachte, während Finn sie einfach nur mit offenem Mund anstarrte.

"Was glauben Sie eigentlich, was hier los ist? Sie haben mir ihr Wort gegeben - und es dann bis zur Unkenntlichkeit verbogen und verdreht!" Fiedlers Augenbrauen wölbten sich leicht, während Finns Blick leicht unruhig wurde. Außer ihnen dreien war kein Mensch mehr auf der Brücke.

"Ist Ihr kleines matschiges Geborenengehirn so weichgeklopft oder -gesoffen, dass Sie sich nicht mehr an einen Vertrag erinnern oder halten können? Behandelt man so seinen Auftraggeber?" Der Gesichtsausdruck von Fiedler war jetzt irgendetwas zwischen Interesse und Amüsement und er wich ein wenig zurück. Finn setzte dazu an, etwas zu sagen, brachte aber kein Wort heraus. Irgendwie schienen die beiden Ufer der Elm weiter auseinander gerückt zu sein, das Wasser unter der Brücke wilder und reissender zu werden und das Plexiglasdach machte mehr und mehr Platz.

"Wenn Sie so eine Nummer noch ein mal abziehen, Fiedler, dann Sorge ich dafür, dass Sie ohne mich keinen Schritt mehr tun können - und zwar mit aller gebotener Gewalt!" Fiedler machte einen weiteren Schritt zurück und blickte irgendwo nach links oben an Sinas Gesicht vorbei. Jetzt konnte auch Finn genug Willenskraft zusammenraffen, um seiner offenkundlichen Panik die Gestalt eines Wortes zu geben:

"Troll!"

Troll. Der Begriff beschrieb das Wesen, das nunmehr bloß einen Schritt hinter Sina stand nur unzureichend. Von seinen riesigen, mit klauenartigen Zehennägeln und zahlreichen Warzen bewehrten Füßen ragte es als etwa dreieinhalb Meter hohes Ungetüm in die Höhe, wobei sein von struppig-räudigem Fell und ölig braun-schwarzer Haut bedeckter ungeschlachter Körper, sowohl an Schultern als auch am feisten Wanst auch eine Breite von etwa zwei Metern aufwiesen. Der klobige Kopf über dieser knotigen massigen Gestalt aus Muskeln, Fett und Knochenauswüchsen wies ein zerklüftetes, lederhäutiges Gesicht mit kleinen wässrig schwarzen Augen, einer pustelübersähten Knollennase und einem überproportionierten Mund auf, durch dessen Unterlippe zahlreiche gelbe, schartige Reißzähne aus leicht eiternden entzündeten Öffnungen stießen.

Für einen kurzen Augenblick herrschte völlige Stille auf der Brückenplattform - sogar Sina hielt inne. Dann öffnete sich das klaffende Maul des Trolls und begleitet von weißlichen Speichelfäden und übelkeitserregendem fauligen Gestank grollte schlecht artikuliert die nach Brutalität, Gier und stumpfem Geist klingende Grabesstimme des Wesens: "Ich fress' mit Haut, Haar und Genuss ..." eine gewaltige Pranke mit dolchartigen Klauen streckte sich nach Sina aus "... wer auf die Brücke setzt den ..."

Sina verdrehte die Augen und ein tonloses "Du kommst mir gerade recht!" zischte über ihre Lippen.

Die Bewegung war zu schnell, als dass ein menschliches Auge ihr hätte folgen können. Ein stinkender Luftschwall fuhr an Finn und Fiedler vorbei, der sich reflexartig in Sicherheit hechtete und mit einem dumpfem Krachen, schmetterte der massige Troll Gesicht voran auf den harten Stahlbetonboden der Brücke. In seinem Genick hockte die vergleichsweise zerbrechlich wirkende Sina, die Hände in die verfilzte Mähne des unter ihr liegenden Monsters gekrallt, einen Stöckelschuh auf dem Boden und den anderen Absatz voraus im Stiernacken des Trolls.

Ihre Stimme klang gleichzeitig kalt wie Eis, aggressiv wie das Fauchen einer Wildkatze und schneidend wie eine über die Haut gezogene Rasierklinge.

"Hör mir zu, Fee!" Mit einem seltsamen Rucken und Beben schien der Troll ein Stück zu schrumpfen, als würde eine unsichtbare Kraft, seinen Körper und seine Gliedmaßen zusammenpressen.

"Ich hasse es, gestört zu werden!" Erneut wurde die zuckende Monstergestalt des Trolls ein Stückchen kleiner und rings um ihn breiteten sich Risse auf den Betonplatten aus.

"Vor allem von einer dummen kleinen Fee wie dir!" Sina spie die Worte förmlich aus. Ein weiterer Ruck und der Körper des Trolls wurde zusammengestaucht, bis er kleiner war, als Sina selbst. Zwei Panele des Plexiglasdachs der Brücke zerbarsten in einer glitzernden Wolke aus Plastiksplittern und der Regen prasselte nun ungehindert auf die Szene darunter.

"Ich hätte gute Lust, dir aufgeblasenem Stück arcadischen Dreck die ganze heiße Luft abzulassen! Allerdings ist mir das ein bisschen zu viel unnötiger Aufwand - aber nur ein bisschen." Diesmal reduzierte die unsichtbare Gewalt die Gestalt des Trolls auf die Größe eines Kindes. Ein Beben ging durch die Brücke. Finns Griff auf die Statue, an der er sich festgeklammert hatte wurde etwas fester und Fiedler, der gerade wieder auf die Beine gekommen war, taumelte ein wenig.

"Also raff dein kleines bisschen Verstand zusammen, verkriech dich unter deinen Brückenpfeiler und lass uns ein für alle Mal in Ruhe! Hast du das Verstanden?" Bei dem Crescendo am Ende ihrer Worte schien die Luft um Sina Hitze zu flirren und ein paar Regentropfen gingen in kleinen Dampfwolken auf.

Mit einer abfällig wegwerfenden Geste ließ sie ihren Griff auf den nunmehr seltsam winzigen Troll los, stand aus der Hocke auf und ging einen Schritt zurück. Hektisch rappelte sich das kleine Monster auf, blickte sich zornig und unsicher um, wich etwas vor Sina zurüch, zog den Kopf ein und rannte in panischer Angst davon in Richtung Stadtufer.

"Feenvolk! Ich hasse diese eingebildeten Knilche!" Angewidert schüttelte sich Sina und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder den beiden Männern zu. Nach diesem letzten Grollen verschwand jedoch jedes Anzeichen von Zorn aus ihrem Gesicht und sogar ein zufriedenes Grinsen spielte um ihre Mundwinkel.

"Tja, dafür haben Sie Glück, meine Herren - ich habe schon jemand anderen zum Abreagieren gefunden. Nachdem das geklärt ist ... wobei habe ich Sie unterbrochen?"

"Ahm ... ich war gerade dabei, Herrn Steinmeier ein Geschäft vorzuschlagen und ihn für unsere Sache anzuheuern." Diesmal war Fiedler doch ein wenig aus dem Konzept gekommen - wenn auch nicht viel. "Er war damals Zeuge beim Tod von Astrid Kirchner - und könnte uns damit sicher dabei behilflich sein, sie wieder zu den Lebenden zurückzuholen."

Beinahe wäre Finn Steinmeier in die Elm gestürzt, als sich in seinem Kopf die Bedeutung von Fiedlers Worten zusammensetzte. "Astrid? Zurückholen? ... so mit Wiederauferstehung und so?"

"So ähnlich. Wahrscheinlich nicht so spektakulär und wir wollten keine Religion daraus machen - schließlich ist sie auf einem Stuhl gestorben und der macht als Symbol weniger her, als ein Kreuz. Na ja, wahrscheinlich hinkt der Vergleich auch noch auf ein paar mehr Ebenen, aber der Grundgedanke ist richtig. Frau Kirchner ist ziemlich tot und wir wollen das ändern. Was ist? Besprechen wir die Sache an einem Ort mit intaktem Dach, Heizung und Bewirtung?"

"Abgemacht." Finn klang zwar skeptisch, kletterte von der Statue herab und über die Brüstung auf die Brücke, wobei er aber tunlichst darauf achtete, Sina nicht zu nahe zu kommen. "Sie zahlen."

Von Sina kam ein leicht verniedlichtes Raubtiergrinsen "Oh, Heizung klingt gut - aber gegessen habe ich schon..."

"Nach Ihnen." Mit lässiger Geste wies er Steinmeier den Weg zum Burgufer und trottete mit verzogenem Gesicht neben dem klatschnassen Ex-Star her. In seinem Kopf drehten sich Überlegungen ungeordnet umeinander: Irgendetwas an Sina passte nicht ins Bild. Was sie da gerade eben mit dem Troll abgezogen hatte, war keine einfache Prügelei zwischen einem Geist und einer Fee gewesen. Sie hatte direkt die Substanz des Trolls angegriffen und das, ohne die Zuhilfenahme irgendwelcher Symbolik oder rituellen Komponenten - so etwas war auch für einen Beschworenen eine beachtliche Fähigkeit.

Gedankenverloren blickte er kurz über die Schulter zurück und konnte gerade noch beobachten, wie Sina eine auffordernde Bewegung mit den Händen machte, worauf sich die Millionen von Plexiglasscherben auf den Weg zurück nach oben machten und sich wieder zu klaren Deckenplatten zusammensetzten. Von den Rissen im Brückenbeton war schon gar nichts mehr zu sehen. Erneut stiegen grüblerische Gedanken in ihm auf. Offenbar achtete Sina auf ihr Paradox und wenn sie auch ziemlich impulsiv und unbeherrscht wirkte - neutral betrachtet hatte sie noch nichts unüberlegtes getan. Warum ließ sie ihn dann einfach so mir-nichts-dir-nichts mit seinem Beinahewortbruch davonkommen? Er mochte zwar gegen Magie immun sein, die Gesetze der Symbole und gegebenen Worte galten aber auch für ihn - und ein Wesen ihres Kalibers hätte ihm darüber zumindest einen kleinen Denkzetten reinwürgen müssen ... warum hatte sie nichts dergleichen getan?

Unüberlegt. Das war das Stichwort. Es musste ziemlich schwierig, riskant und aufwändig sein, ein dermaßen mächtiges Wesen zu beherrschen und in seine Dienste zu zwingen - weshalb hatte sich Unbehauen genau für diesen Geist als seine Vertreterin entschieden? War es ihm wichtig, eine Wesenheit zu senden, die sich gegen andere magische Geschöpfe durchsetzen konnte? Wenn ja - warum? Was verschwieg man ihm? Eines wusste er jedenfalls genau: Ebenezer Unbehauen tat nie etwas Unüberlegtes ...

To top

6 Andererseits

"Ich bitte Sie, tun Sie nichts Unüberlegtes!" Ein Schweißtropfen rann über Lukas Bracks Kinn und vermischte sich mit dem dünnen Rinnsal von Blut, dass aus einem feinen Kratzer an seiner Kehle quoll. Keinen Millimeter darüber drohte die rasiermesserscharte Spitze eines schlichten matt-stählernen Dolches, der von unsichtbarer Hand gehalten als eine von sieben identischen Waffen einen bedrohlich kreisenden Klingenkragen um Bracks Hals bildete.

Sein Gegenüber richtete sich in seinem modernen Drehstuhl auf, eine Geste die nicht nur entfernt an das Drohen einer Kobra erinnerte. Statt eines Zischens ertönte aber eine ruhige, gefasste und wohlklingende Tenorstimme, die überhaupt nicht zu der wütend pulsierenden Halsschlagader des großen, schlanken Mannes mit dem rationalen blonden Bürstenschnitt passte. "Mitnichten, Brack. Selbstverständlich bin ich geneigt, auch Ihnen eine zweite Chance zu gewähren. Erläutern Sie doch bitte noch einmal, was der von mir entsandten Kreatur widerfahren ist? Mir war, als hätte ich Sie missverstanden, denn ich glaubte, vernommen zu haben, sie wäre 'vernichtet' worden. Nur zu! Seien Sie versichert, dass Sie sich des Fokus meiner vollständigen Aufmerksamkeit erfreuen können!"

Bei den letzten Worten zog sich der Kranz aus Dolchen um ein paar Millimeter zusammen und glitt ein Stück nach oben. Mit panikerfüllten Augen und schmerzverzerrtem Gesicht war Brack gezwungen, sich auf die Zehenspitzen zu stellen, damit die Klingen nicht mehr taten, als seine Haut zu ritzen.

Keuchend stieß er hervor, was seiner Ansicht nach wohl sein Todesurteil sein könnte: "Vor einer Stunde ist der Beschwörer zu mir gebracht worden, der die Kreatur kontrolliert und überwacht hatte. Er war fast tot und kaum noch bei Sinnen, weil ihm irgendetwas sein Gehirn fast zerquetscht hätte. Aus ihm konnten wir nicht mehr herausbekommen, als dass er 'sie' verloren hätte - und irgendetwas von einer Frau aus Nacht und Flammen. Sofort habe ich dann ein paar Leute losgeschickt und mehr als das da konnten sie nicht wiederfinden."

Bracks bebende Hand wies auf den ziemlich mitgenommen wirkenden abgetrennten Kopf einer Schaufensterpuppe mit poppig violettem Haar, tiefen Kratzspuren durch die perfekten künstlichen Züge und nur noch einem Auge. Aus der aufgefetzten Augenhöhle und dem offensichtlich mit roher Gewalt vom Rumpf getrennten Hals des Plastikhaupts sickerte eine tiefrote zähe Flüssigkeit, die mittlerweile eine klebrige Lache auf dem gepflegten Parkettboden des Raumes gebildet hatte.

"Es ist nicht mein Fehler! Ich musste nur die schlechte Nachricht überbringen!" Vor Verzweiflung überschlug sich Bracks Stimme und er verstummte. Für einen Moment herrschte bis auf das Rauschen des Verkehrs tief unten vor dem Gebäude und dem Prasseln des Regens an den großen Klarglasscheiben Stille vor, während hinter den wasserblauen Augen des Mannes im Chefsessel die Entscheidung über das Leben seines Handlangers getroffen wurde.

"Da mögen Sie Recht haben." Der Mann im Bürostuhl schwang langsam herum und wandte sich dem Fenster zu. Unablässig kreisten die Messer um Bracks Hals und zogen ihre Muster aus blutigen Linien über seine Haut. Immer wieder entwich ein unterdrücktes Stöhnen der misshandelten Kehle des Mannes. Ein paar weitere endlose Herzschläge vergingen, dann hob sich eine schmale Hand mit drei schlichten Ringen als Silhouette vor das Fenster, ballte Daumen, Ring- und kleinen Finger und machte eine kleine aber komplexe Geste.

Mit leisem Sirren und dem Singen von Metall zuckten die Klingen zurück und wirbelten durch den Raum, um schließlich in einem dekorativen Halter an der Wand zur Ruhe zu kommen. Die blutbefleckten Spitzen verbargen sich dezent und keusch in edlen schwarzen Ebenholzschnitzereien afrikanischer Kunst. Keuchend sank Brack in sich zusammen und zurück auf die Füße, behielt aber Haltung und Fassung.

"Ich hatte noch nie ein ausgeprägtes Faible für die Bewahrung der guten Tradition des Tötens von Überbringern schlechter Nachrichten. Glauben Sie mir, es ist schließlich kein einfaches Unterfangen, adäquates Personal wie Sie zu finden." Wenn der Satz Humor enthalten haben sollte, dann war es der Stimme nicht anzumerken. "Belassen Sie mich doch einfach tunlichst in dem Glauben, Sie wären derlei adäquates Personal, dann können Sie sich auch Ihres Lebens sicher sein." Brack nickte und schluckte schmerzhaft. "Verfügen Sie über Informationen betreffs Tätigkeit und Verbleib unseres geschätzten Herrn Fiedlers?"

Für einen Moment rang Brack nach wohlüberlegten Worten. "Unsere Leute waren schnellstmöglich bei seinem Büro und haben sich nach ihm erkundigt. Er selbst war nicht anwesend und seine Sekretärin wusste, dass er am frühen Nachmittag Besuch von einer Dame hatte. Nach allem was ich Erfahrung bringen konnte, ist die Sekretärin eine Normalo - sie bekam keine vernünftige Beschreibung der Besucherin mehr zusammen. Jedenfalls meinte sie, die Fremde hätte Fiedler wohl einen Auftrag gegeben und ihn dann begleitet. Das klang nach unserer Kreatur, war mir aber nicht eindeutig genug."

"Ich selbst war bei Griselda von Radewitz, von der Sie vermutet hatten, dass Fiedler sie aufsuchen würde. Leider stellte sich Frau von Radewitz als ziemlich unkooperativ heraus und ich hielt es für ziemlich unklug, etwas aus ihr herausquetschen zu wollen. Alles was sie rausrückte war, dass das von Ihnen angekündigte Geschäft abgewickelt worden war - und zwar ohne besondere Auffälligkeiten."

Der Mann im Drehstuhl am Fenster hatte mittlerweile seine Ellenbogen auf die Armlehnen des Stuhls gestützt und sein Kinn in nachdenklicher Konzentration auf die gefalteten Hände gestützt. Immer noch wandte er Brack den Rücken zu - was diesem eigentlich gerade ganz angenehm war.

"Irgendwo muss aber etwas schief gegangen sein - sonst hätten wir nicht die Trümmer ihrer Hülle gefunden. Ach ja ... Irene Hasmann, die ich hinzugezogen hatte, weil der Beschwörer ja ausfällt, hat sich die Reste noch einmal angesehen und dabei ein paar Spuren von ziemlich starker Metamagie gefunden - aber keinerlei Überbleibsel der Kreatur selbst. Nichts. Sie war ziemlich verwirrt, denn eigentlich, sagte sie, hätte das Wesen wenigstens etwas Restabstrahlung in seinen Gefäßen hinterlassen müssen, selbst wenn es vernichtet wurde."

Die Betonung der letzten Sätze hatte klargemacht, dass Brack sich ihrer Bedeutung so überhaupt nicht sicher war. Nun aber kehrte etwas Selbstsicherheit in ihn zurück: "Ich habe sie dann angewiesen, über die Materialien des Beschwörers eine Verbindung mit dem Wesen aufzubauen - sobald sie es geschafft hat, wird sie sich bei mir melden. Ein ritueller Kontakt zu Fiedler ist ja ausgeschlossen..." Brack biss sich auf die Zunge und der Zusatz "und auf Ihren Befehl haben wir ja den Brief von allen Verbindungen säubern lassen" blieb unausgesprochen.

Erneut füllte ein Moment des Schweigens den Raum. "Adäquat, Brack. Mitnichten gut, aber adäquat." Der Tonfall des Mannes am Fenster war widerspruchsresistent. "Offensichtlich tut es not zu betonen, von welcher Wichtigkeit der Erfolg dieser Unternehmung ist. Bevor Sie also länger Zeit und Talent von Frau Hasmann auf die Angelegenheit verschwenden, senden Sie lieber nach Marina Vanderduhn und entlohnen Sie diese für die Anwendung ihres seherischen Talentes. All zu hoch sollte ihre Forderung nicht ausfallen - wir hatten bereits miteinander zu tun und sie hegt sicherlich nur geringes Bedürfnis, meinen Unmut auf sich zu ziehen. Händigen Sie ihr den Kopf aus, am besten ohne weitergehende Erläuterungen und berichten Sie den Befund. Ach ja - und sehen Sie zu, dass Frau Hasmann sich wieder ihren Studien widmet. Mit der offenkundigen Option des Wegfalls des Beschwörers ist beizeiten an die Beschaffung oder Ausbildung von Ersatz zu denken."

Brack nickte diensteifrig. "Wird gemacht!" Eilenden Schrittes schickte er sich an, den Raum zu verlassen. Die Wunden an seinem Hals waren nicht mehr zu sehen.

"Brack! Wo haben Sie denn nur Ihren Kopf?" Die Stimme des Mannes am Fenster hatte einen entnervten Unterton. "Nehmen Sie doch ersatzweise wenigstens den der Puppe mit! Frau Vanderduhn könnte ihn benötigen und außerdem hinterlässt er eine Sauerei auf meinem Parkett."

"Ähm - natürlich!" Peinlich berührt wirbelte Brack herum und hastete mit hochroten Ohren zu dem immer noch mitten im Raum liegenden Schaufensterpuppenteil. Vorsichtig und leicht angeekelt fasste er mit beiden Händen um den zäh triefenden Hals, drückte den Kunststoff leicht zusammen und hob den Kopf an. Aus dem Inneren des Plastikteils drang ein leise mahlendes, feuchtes Geräusch und Brack musste sich unwillkürlich ausmalen, wie die zersplitterten Wände des Keramikgefäßes darin die geleeartige Masse des konservierten Gehirns zerquetschten und aufrieben, zu dessen Schutz sie eigentlich gemacht worden waren. Ein Hauch von Übelkeit stieg in ihm hoch, den er sich aber tunlichst nicht amerken ließ, während er seine zuwidere Fracht aus dem Raum trug.

Immer wieder war er erleichtert, nicht zu den Magiern in Unbehauns Organisation zu gehören. Zwar musste er sich immer wieder eingestehen, auf die vielseitigen Mächte und Möglichkeiten doch ein wenig neidisch zu sein, die seinem Chef und seinen Kollegen zur Verfügung standen, doch wenn er sich die damit verbundenen Tätigkeiten und Risiken ansah ... Nein, er war mit seiner Position als "Leitender Scherge", wie er sich selbst gelegentlich betitelte, ganz zufrieden. Wenn etwas erledigt werden musste, konnte er selbst einschreiten oder ein paar seiner Untergebenen ("Schergen") schicken und in Grenzen hatte sein Wort sogar für Frau Hasmann, die jüngste der drei Magier in der Truppe, eine bindende Bedeutung.

Dank der berüchtigten Wutausbrüche von Unbehaun konnte er sich seiner Position sogar völlig sicher sein - niemand in der Truppe würde sie ihm so gerne streitig machen. Schließlich hatte nicht jeder seine Gabe - und eine zügige Wundheilung, gute Resistenz gegen Blutverlust und nachwachsende Gliedmaßen waren definitiv von Vorteil, wenn man sich mit schlechten Nachrichten meldete. Manchmal war sich Brack allerdings nicht so sicher, ob sein Chef sich Unarten wie die Sache mit den Messern auch angewöhnt hätte, wenn sein oberster Handlanger keine regenerativen Eigenschaften gehabt hätte. Egal. Mit den Schmerzen konnte er leben und sein Leben war relativ sicher. Es kam ja nicht jeden Tag vor, dass eine kostbare und mächtige Schaufensterpuppe (der Beschwörer hatte etwas von einer "idiotisch konstruierten Quasimumie" gefaselt) im Rahmen eines wichtigen Auftrags zu einem Trümmerhaufen zerfiel.

Hätten die Trümmer der Puppe keine deutlichen Kampfspuren getragen, wäre Bracks Meinung nach eher Pfusch seitens des Beschwörers die Ursache des Problem gewesen. Dem Kerl (der sich selbst tatsächlich nur "der Beschwörer" nannte) brachte er schon immer eher wenig Sympathie entgegen und auch dessen Ableben oder Ende im Wahn rangen ihm nur wenig Mitleid ab. Hey, wer sich ständig mit einer Aura von Tod, Verderben und "Ich-Bin-So-Böse" umgibt, der wollte es doch eigentlich nicht anders, oder? Magier spielten mit den Kräften, die die Welt ausmachten - und brauchten sich doch nicht zu wundern, wenn sie an eben diesen scheiterten und zerschellten.

Seine Überlegungen wurden spontan beendet, als eine etwas plump und kompakt gebaute Frau Mitte zwanzig mit hochgesteckten braunen Haaren, einer ausgewogenen Mischung aus Sommersprossen und Hautunreinheiten und strahlend grünen Augen aus dem Gang auf ihn zuschoss. Irene Hasmann strahlte über das ganze pausbäckige Gesicht. "Brack, ich hab' sie wiedergefunden! Also jedenfalls ein Stück von ihr. Ihre Energie meine ich. Erst dachte ich, sie wäre in die Elm gefallen. Dann stellte ich eine assoziative Kognition zum Fremdende der Interresonanz her und bekam nur periphäre Signale des Elementes Wasser..."

Brack unterbrach ihren Redeschwall. "Sehr gut, Frau Hasmann. Bitte noch einmal im Klartext für mich."

Ein Hauch von Ernüchterung trübte die Miene der Frau. "Sie ist auf ... ähm ... in der Neuen Schlosserbrücke."

"In der Neuen Schlosserbrücke?" Bracks Augen wurden zu ungläubigen Schlitzen. "Wie soll ich das verstehen? Meinen Sie vielleicht unter der Überdachung?"

"Nein, nein, Herr Brack, in der Brücke selbst - also genau kann ich das nicht erklären, das Signal war relativ unkorreliert und inkohärent aber deutlich mit einer klassischen neohermetischen Singularisierungstransformation als Überlagerung von materiellen mit asonant nekromantischen Komponenten darstellbar." Erneut schwang ein gerütteltes Maß an Begeisterung über diese Feststellung in Irene Hasmanns Stimme mit.

Ihr Gesprächspartner hingegen runzelte die Stirn. "Was immer Sie sagen. So begeistert Sie von Ihrer Feststellung sein mögen - ich werde sie dem Chef nicht ohne Überprüfung mitteilen. Können Sie Kontakt aufnehmen?"

Vehement schüttelte Frau Hasmann den Kopf: "Nein, nein! Ich sagte doch, dass ich allenfalls asonantes und kein resonantes Feedback erhalte. Natürlich bin ich keine ausgebildete Beschwörerin, aber wenn ich meinen Analytikkenntnissen trauen darf, dann ist die arkane Matrix des Geschöpfes durch den Verlust ihrer stofflich symbolisch bindenden Hülle fast vollständig degeneriert und hat irreversibel ihre Kohärenz verloren."

Brack verdrehte die Augen. "Das heisst, sie ist zerstört?"

"Ja. Äh ... nein ... also, sie ist wahrscheinlich nur noch die Magie, aus der sie bestand, ohne Struktur."

Ein verstehendes Nicken von Brack: "Ah. Wie wenn von einem Menschen nur noch ein Haufen Hackfleisch übrig ist, richtig?"

Obwohl ihr dieses Bild deutlich wenig behagte, musste Irene Hasmann zustimmen. "Ja, so in etwa..."

"Was schätzen Sie, wie lange müssten Sie vor Ort sein, um genaueres festzustellen?"

"Auf der Neuen Schlosserbrücke? Da gibt es einen Troll!"

"Tja. Je kürzer Sie brauchen, desto besser." Über Bracks furchiges Gesicht zog sich ein freundlich-fieses Grinsen. "Also?"

"Ich ... äh ... wenn ich alles vorbereite, könnte ich das wahrscheinlich auch von hier aus machen ... ohne die Brücke zu betreten - das ... ahm ... würde etwa fünfzehn bis dreißig Minuten dauern." Irene Hasmanns Miene schwankte zwischen Besorgnis und geistiger Entrückung.

Für einen Moment wog Brack die Anordnungen Unbehauns gegen den Informationsgewinn durch eine Untersuchung ab. "Sehr gut. Dann erwarte ich Ihren Bericht in einer halben Stunde. Reicht Ihnen das?" Ein eifriges Nicken beantwortete die Frage und mit dem gleichen Elan den sie bei ihrem Auftritt an den Tag gelegt hatte, verschwand Irene Hasmann den Korridor entlang.

Leich verwirrt sah ihr Brack hinterher und überlegte, ob er Unbehaun von dieser neuen Entwicklung unterrichten gleich sollte oder lieber erst später. Dann entsann er sich des triefenden abgetrennten Kopfes, den er noch immer in den Händen trug, wunderte sich einmal mehr über die Seltsamkeit der Magier - Frau Hasmann hatte den Kopf zwar zur Kenntnis genommen aber sonst keines Blickes gewürdigt - und machte sich auf den Weg zum Gemeinschaftsraum, wo er den lallenden, sabbernden Beschwörer zurückgelassen hatte.

To top

7 Fragestunde

Pulsierende Reggea-Rhythmen erfüllten die unangemessen saubere und rauchfreie Luft in den von grünem und gelbem Licht durchfluteten Räumen der "Jungle Lounge". Umgeben von einer dichten Wand aus (fast echtem) Gebüsch saßen Sina und Finn Steinmeier auf halbwegs bequemen Plastikschalenstühlen. Zwischen ihnen stand ein runder Tisch mit khakifarbener Decke, Aschenbecher und einem merkwürdig geformten schwarz-gusseisernen Kerzenhalter im Tribal-Stil. Durch den etwa zwei Meter breiten von künstlichen Palmen umrankten Eingang zum Separee war die Silhouette von Fiedler zu erkennen, der an der runden Theke inmitten des im "Urwaldstil" gestalteten Raumes stand und wartete.
"Sie waren also dabei, als Astrid Kirchner starb?" Offenbar hatte Sina vom schweigenden Anstarren ihres Gegenübers genug. "Kannten Sie sie? Hat Sie der Verlust schwer getroffen?" Irgendwie gelang es ihr nicht, echte Betroffenheit oder Mitgefühl in ihre Stimme zu legen.
Finn Steinmeiers Gesichtszüge arbeiteten kurz, dann entgegnete er gefasst: "Ja, vielleicht und irgendwie ja. Ich war einer der vier Teilnehmer an dieser seltsamen Séance auf diesem vermaledeiten Theatergruppentreffen. Eigentlich kannte ich sie zuvor nur so als kurze Partybekanntschaft und hatte sie idiotischerweise an dem Wochenende mitgeschleppt - aber irgendwie bedeutete sie mir schon etwas..."
Etwas verwirrt hielt Finn inne - auch weil Sinas Blicke gerade begleitet von einem verspielten Lächeln durch die Bar huschten. Als sie sein Schweigen bemerkte, fokussierte sich ihre Aufmerksamkeit aber sofort wieder auf ihn. "Aber Sie waren damals noch kein Grenzgänger?"
"Nein. Das war ja das Krasse! Sie war es eigentlich, die auf mich zugekommen ist - sonst hätte ich sie wegen des Schleiers wahrscheinlich gar nicht erst wahrgenommen. Zuerst dachte ich mir, sie wäre nur ein weiteres Groupie - wissen Sie, wenn man erst einmal ein paar Stunden auf dem Fernsehschirm war, dann laufen einem die Mädchen geradezu hinterher." Sinas erneut aufgenommene Suche durch den Saal hielt für einen Moment inne, in dem sie Steinmeier ungläubig grinsend ansah, doch er fuhr ungestört fort. "Allerdings merkte ich ziemlich bald, dass Astrid anders war, dass sie die Dinge anders sah, einen ganz anderen Horizont hatte... und dann war ich dabei, als sie starb - und dann hatte ich sie komplett vergessen! Einfach so! Sie hing neben mir tot auf dem Stuhl und ich hatte sie vom einen auf den nächsten Moment vergessen! Das ist doch ..."
"Ha!" Fern jedes Kontexts strahlte Sinas zufrieden und zeigte mit der Hand quer durch den Raum auf ein von einer Servicekraft getragenes Tablett - oder besser gesagt auf einen kompliziert aussehenden Cocktail darauf, dessen Farbe in seinem geschwungenen Kristallpokal von Tiefrot zu einem satten Gelb changierte, gekrönt von kompliziert ineinandergesteckten Ananas- und Orangenscheiben und einer kleinen glitzernden Plastikpalme. "Das da!"
Ohne Vorwarnung materialisierte ein exakt gleiches Getränk in einem exakt gleichen Glas zwischen ihr und dem völlig perplexen Finn auf dem Tisch - natürlich mit einer exakt gleichen Glitzer-Deko-Palme.

Als Fiedler ein paar Augenblicke später zu den beiden stieß, glotzte Finn Steinmeier immer noch leicht konsterniert auf die geistesabwesend aber glücklich mit der kleinen Plastikpalme spielende Sina. Mit einem nur minimal skeptischen Seitenblick auf Sinas rot-golden schillerndes Getränk stellte er das voll beladene Tablett auf den Tisch. "Ich sehe, Sie haben sich selbst schon etwas zu trinken organisiert. Fein. Mehr für die Geborenen."
"Geborene?" Finn erwachte gleichsam aus seiner Verwirrung. "Was soll das schon wieder heißen?"
"Ganz einfach, wir beide sind Menschen und als solche irgendwann einmal gezeugt und geboren worden. Sina hingegen ... na ja, ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie sie wann einmal entstanden ist - so etwas fragt man eine Dame natürlich auch nicht." Er warf einen huschenden Blick zu ihr hinüber und stellte fest, dass sie seinen Erläuterungen freundlich interessiert folgte.
"Wesen wie sie bezeichnet man als 'Beschworene'. Allerdings sollte man sie nicht unbedingt alle über einen Kamm scheren: unter dem Begriff werden Naturgeister, Menschengeister, Elementare, Manifeste, Belebte, Golems, Konstrukte, Untote und so weiter zusammengefasst. Eine extrem durchmischter Haufen. Sie verstehen? Sina ist ein Geist in Menschenform." Während Fiedlers Beschreibung waren Steinmeiers Augen erst rund vor Erstaunen geworden, dann leuchtete Begreifen darin auf.
Sina räusperte sich vorwurfsvoll worauf Fiedler kurz stutzte, grinste und dann hinzufügte: "Bevor ich mir jetzt aber Unhöflichkeit vorwerfen lassen muss: Die werte Sina gehört meiner Einschätzung nach zu den Menschengeistern - und kann wie Sie schon bezeugen konnten allenfalls im gereizten Zustand als 'böser Geist' bezeichnet werden." Erwartungsgemäß kehrte das Lächeln in Sinas Gesicht zurück und sie widmete sich wieder ihrer Glitzerpalme.
Mit zwei flinken Schritten eilte Fiedler um den Tisch und nahm zwischen Sina und Steinmeier Platz, so dass er nun genau wie Sina das Lokal vor dem Separee im Blick hatte. Währenddessen hatte sich Finn den Teller mit dem riesigen dampfenden, aromaverbreitenden Hamburger und einem Haufen Pommes Frites vom auf dem Tisch stehenden Tablett genommen. "Danke, Fiedler! Erzählen Sie mal was von dem Geschäft." Rasch warf er noch einen unsicheren Blick zu Sina, dann fiel er hungrig über seinen Teller her.
"Also, lassen Sie mich die Sache kurz fassen, während Sie essen. Mein Auftraggeber - vertreten durch diese Dame hier" eine kurze Geste zu Sina "möchte gerne Astrid Kirchner wieder unter den Lebenden haben. Das ist wahrscheinlich nicht so schwer, wie es aufs Erste klingen mag, weil sie anscheinend nicht wirklich ganz tot ist. Zunächst müssen wir aber herausfinden, wo wir sie finden könnten - und dafür brauchen wir Sie." Fiedler blickte den über beide Backen kauenden Finn Steinmeier auffordernd an, dessen Mund deutlich zu voll zum Antworten war.
"Einen Moment, Herr Fiedler!" Zu beider Überraschung schaltete sich Sina ein. "Vielleicht könnten Sie dem guten Herrn Steinmeier in aller Ruhe zu Ende essen lassen und die dafür notwendige Zeit damit füllen, dass Sie die Begleitumstände von Frau Kirchners Tod für mich noch einmal erläutern. Selbstverständlich habe ich zwar ein paar Informationen über diese Sache mit der Séance auf dem Theatergruppentreffen erhalten, aber Details dazu habe ich von meinem Auftraggeber nicht erhalten. Daher könnten Sie Ihre sicherlich durch die Lektüre von Detektivromanen geschulten Erzählerfähigkeiten nutzbringend anwenden und die damaligen Ereignisse so knapp wie möglich und so detailliert wie nötig zu umreißen. Ja? Würden Sie das für mich und Herrn Steinmeiers leeren Magen tun?"

"So so - ich hätte gedacht, dass Ihr Herr und Meister seine Schoßtiere über die nötigen Details informieren würde. Erstaunlich!" Fiedlers Stimme troff vor Sarkasmus und nur in Gedanken fügte er hinzu "... und dabei haben Sie sich doch bislang so viel Mühe gegeben, keine Schwächen zu zeigen."
Mit rationalem Ton fuhr er fort: "Aber wenn Sie das wünschen, werde ich natürlich noch einmal die Details zusammenfassen, von denen ich denke, dass sie wichtig sein könnten. Ein wenig Zeit haben wir ja noch. Sollten Sie mich irgendwo korrigieren wollen, Herr Steinmeier, reden Sie mir einfach rein - gerne auch mit vollem Mund..."
"Warten wir auf etwas?" Sina wirkte skeptisch interessiert.
"Ja, auf einen alten ... Bekannten. Er dürfte für unsere Belange eine ziemlich nützliche Informationsquelle sein." In Fiedlers Gesicht stand ein nicht deutbares Grinsen.
"Und er wird hier auftauchen?"
"Ja. In gewisser Weise ist er schon hier - aber richtig anwesend ist er erst später am Abend." Fiedler grinste noch etwas schiefer und warf einen Blick zu einem schlecht beleuchteten Ecktisch, an dem vage eine dunkelhäutige Frau zu erkennen war, die dort alleine am pulsierend aufglimmenden Lichtpunkt einer Zigarette sog. "Aber ich schweife ab." Er nahm einen Schluck von seinem Getränk und fing mit etwas merkwürdig markanter an Stimme zu erzählen.
"Es begann damit, dass mir ein alter Freund einen Auftrag zukommen ließ - und bei solchen Dingen sagt man nunmal nicht nein. Die Sache klang unklar und schwierig, aber wenn es anders gewesen wäre, hätte er mich ja nicht gebraucht.
In seinem Besitz befand sich eine Tarotkarte, Crowley Symbolik, an sich ganz gewöhnliche Massenware, die es aber anscheinend im wahrsten Sinne des Wortes in sich hatte. Auf irgendeine Art und Weise, schien die Karte ein Fragment eines ziemlich mächtigen und einigermaßen angepissten Wesens aus einer Anderwelt zu enthalten. Die Karte hatte dadurch ein paar recht interessante Eigenschaften gewonnen, die hier nichts weiter zur Sache tun. Was vielleicht erwähnt werden sollte ist, dass das Vieh in der Karte so nebenher mal das Gehirn einer Seherin entsaftet hatte, die offenbar ihre Nase zu weit in die Sache gesteckt hatte.
Mein Kumpel ging jedenfalls davon aus, dass es auch noch andere Karten vom selben Deck geben müsste, von denen zumindest die großen Arcana ebenfalls einen Brocken des übellaunigen Anderweltlers enthalten dürften. Es sollte nun mein Job sein, diese restlichen Fragmente zu finden und wenn möglich an mich zu bringen oder unschädlich zu machen."

Ein weiterer Schluck des bernsteinfarbenen Getränks befeuchtete Fiedlers Kehle. Draußen vor dem Separee hatten ein paar Leute angefangen, zwei Tische samt Stühle abzutransportieren, die an einer der Wände auf einer kleinen erhöhten Bühne gestanden hatten.
"Die meisten Fälle, für die ich angeheuert werde, drehen sich um irgendwelchen Schweinkram zwischen Grenzland und Normalwelt - und dieser war keine Ausnahme. Bei meinen Nachforschungen stellte es sich heraus, dass die Karte einer Normalo gehört hatte, bevor sie ihren Weg an die Grenze gefunden hatte. Die Lady war schnell gefunden und erzählte mir, die Karte wäre ihr bei einem Unglück in einem alten Bunker vor zehn Jahren mehr oder weniger zugelaufen. Offensichtlich war diese Person ziemlich unbeleckt von der Grenze, obwohl sie selbst die Karte über Jahre hinweg in ihrem Besitz gehabt hatte - eine direkte Wirkung schienen die Karten also nicht zu haben.
Viel interessanter war aber, dass nur ein paar Tage später so eine Art Klassentreffen auf dem Land stattfinden sollte, bei dem sich zufälligerweise alle die Leute versammeln würden, die damals bei dem Unglück anwesend waren und denen sich daher wohl am wahrscheinlichsten die Gelegenheit geboten hatte, ebenfalls eine oder zwei Karten in die Hände zu bekommen. Es bedurfte nur ein wenig meines berüchtigten Charmes" - Fiedler grinste breit - "und schon war ich als Begleiter der Dame auf die Gästeliste.
Das Treffen war eine ziemlich seltsame Angelegenheit. Fast jeder der Anwesenden schien sein privates kleines Geheimnis zu haben und irgendwie lief alles darauf hinaus, dass alle einen mehr oder weniger begründeten Hass auf den Gastgeber mit sich herumtrugen. Irgendwann kam, was kommen musste: Der Gastgeber wurde im Kaminzimmer aufgefunden. Ermordet. Klassisch, nicht wahr?" Ein Schluck aus seinem Glas verschwand durch Fiedlers Kehle. An der anderen Seite des Lokals hatte mittlerweile der flackernde Schein eines Streichholzes angezeigt, dass sich die Person im Schatten frische Rauchware angesteckt hatte, die diesmal mit deutlich größerem Durchmesser brannte.
Als jegliche Reaktion seitens seiner Zuhörer ausblieb, fuhr Fiedler fort: "Natürlich ermittelte sofort die Polizei, aber auch mich interessierte die Angelegenheit - aber eher weniger wegen dem Mord, als vielmehr wegen der Karten. Ich halte zwar eigentlich die Regeln der Gastfreundschaft hoch und das Meucheln des Gastgebers gehört sicher nicht dazu, aber die Bluttat war eine geradezu perfekte Entschuldigung, neugierig sein zu dürfen.
Stück für Stück stellten sich zwei Dinge heraus: Einerseits besaßen alle diejenigen, die damals bei dem Bunkereinsturz dabeigewesen waren, ein großes Arcanum von eben dem Kartendeck, das ich suchte - und zeigten davon abgesehen gewisse Entsprechungen zu den darauf dargestellten Motiven. Andererseits liefen verdammt viele Fäden bei einer gewissen Person zusammen, die offenbar damals bei dem Unglück um's Leben gekommen war," an dieser Stelle schnaubte Finn Steinmeier verächtlich, was Fiedler aber geflissentlich ignorierte. "nämlich der Lehrerin.
Einen Umstand habe ich bislang allerdings verschwiegen, ohne den es gar keinen Sinn machen würde, die gesamte Story hier noch einmal aufzuwärmen: Genau wie ich, war auch Frau Kirchner mit von der Partie und zwar als die Begleitung und wenn ich es richtig verstanden hatte, als die potentielle Gespielin unseres Herrn Steinmeier hier." Fiedler pausierte kunstvoll und für einen Lidschlag hatte Finn das Gefühl, von Sinas durchdringenden Augen durchleuchtet zu werden.

Genüsslich genehmigte sich Fiedler einen weiteren Schluck seines Getränkes und weidete sich an Finns verzweifelten Bemühungen den ziemlich großen Bissen seines Burgers in seinem Mund für eine schlagfertige Entgegnung aus dem Weg zu räumen. Mit wohlüberlegtem Timing und sicherer Stimme fuhr er dann fort, bevor sein Gegenüber mehr als unartikuliertes Maulen von sich geben konnte:
"Wie wahrscheinlich allen Anwesenden hier bekannt ist, war Astrid Kirchner ein recht begabtes und zudem ziemlich tüchtiges Medium, die in Grenzgängerkreisen als eine der besten Adressen galt, wenn man denn Kontakt mit verstorbenen Geschäftspartnern, Erbtanten, Geheimnisträgern oder einfach nur lieben Menschen aufnehmen wollte. Welche Pläne Frau Kirchner selbst verfolgte, als sie auf dieses Treffen ging, kann ich Ihnen nicht sagen - und es ist auch nicht anzunehmen, dass sie unseren Herrn Steinmeier in die Tiefen ihres Vorhaben eingeweiht hat. Im Grunde genommen könnte sie tatsächlich dort zu ihrem Vergnügen gewesen sein - oder weil sie sich zu Finn hingezogen fühlte.
Auf alle Fälle machte sich auch Astrid Kirchner aus welchen Beweggründen auch immer daran, hinter die Kulissen des Mordes und der Kartenangelegenheit zu schauen. Dabei lag es natürlich nahe, ihre Gabe zu nutzen und Kontakt zu einer der verstorbenen Personen aufzunehmen. Bei meinen Recherchen im 'Nachspiel' der Geschehnisse stellte ich fest, dass Frau Kirchner offenbar immer einen gewissen Zeitraum zwischen Tod und Befragung eines Menschen verstreichen ließ, das Mordopfer stand also anscheinend nicht zur Auswahl.
Statt dessen richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf die bei dem Bunkerunglück vor zehn Jahren im wahrsten Sinne des Wortes verschütt gegangene Lehrkraft. Sie berief eine Seance aus vier Zeugen des Unglücks ein - es waren vor Ort ja mehr als genug vorhanden - und baute nach allem, was ich gehört habe ganz klassisch eine Verbindung zum Geist der Lehrerin auf. Irgendetwas muss dabei aber schief gelaufen sein, denn keine zehn Minuten nach Beginn der Sache wurde ich von einem beteiligten Grenzgänger dazugerufen: die gute Frau Kirchner hatte sich ihrer eigenen Klientel angeschlossen und hing tot in ihrem Stuhl mit blutigen Rinnsalen aus Augen, Ohren und Nase."
Erneut pausierte Fiedler kurz, diesmal anscheinend tatsächlich, um Steinmeier eine Gelegenheit zu ein paar Worten zu geben, doch dieser starrte mit etwas glasigem Blick vor sich hin und schien in keine Weise geneigt, mehr Details der damaligen Ereignisse aus seinen Erinnerungen empor zu rufen. Währenddessen huschte Fiedlers Blick wieder quer durch den Raum und sichtete die Lage.
Auf der von Tischen, Stühlen und Gästen befreiten Bühne standen mittlerweile einige Sätze etwas archaisch/afrikanisch anmutender Schlaginstrumente und die Leute, die sich um den Aufbau gekümmert hatten, waren wieder zu anderen Tätigkeiten übergegangen. Bis zum Live-Act in einer Stunde würde kein Normalo die Bühe beachten, das wusste Fiedler - und er wusste auch warum. Die Frau im Schatten drückte ihren Glimmstengel aus, stand auf und begab sich mit lockeren aber grazilen Bewegungen auf den Weg zur Damentoilette. Es blieb nicht mehr viel Zeit für den Rest der Geschichte.

Fiedlers Kopf ruckte herum, als seine Redepause jäh von der abwesend und etwas rauher als gewohnt klingenden Stimme von Finn Steinmeier unterbrochen wurde. "Esoterischer Quatsch - aber was tut man nicht alles für eine Frau, die einem ... gefällt. So etwas ähnliches hab' ich mir damals wohl gedacht, als mich Astrid und die anderen zu der Séance überredet haben. Ich meine - das ist doch wie aus einem schlechten Teenie-Schocker: Auf einem Klassentreffen ist ein etwas esokkult angehauchtes Mädel, die auf den Gedanken kommt, eine verstorbene Lehrerin zu beschwören ... oder wie man das nennt.
'Egal!' habe ich mir gedacht. 'Das ist ja die Realität! Wahrscheinlich wärmen wir ein paar alte Gedanken und Erinnerungen auf und kommen dann zum Schluss, dass Frau Schierlo eigentlich noch mitten unter uns ist ... oder irgend so ein Schwachfug.' Kann ja keiner ahnen, dass Astrid verdammt noch mal ein echtes Medium ist und dass diese beschissene Grenze existiert!
Genau so hat sich die Sache dann aber auch angelassen: Astrid fragte uns nach Erinnerungen, die wir an Frau Schierlo hatten und jeder von uns ließ irgendeine rührselige Geschichte vom Stapel. Manchmal hatte ich zwar das Gefühl, als würden irgendwelche wispernden Stimmen oder Donnergeräusche durch den Raum klingen, aber das hatte ich sofort wieder verdrängt. Zur Hölle, sogar da hat dieser Drecks-Schleier noch jede Warnung einfach ausgeblendet!
Dann wurde die Sache plötzlich zu einem total schizophrenen Horrortrip: Astrid sackte tot in sich zusammen und blutete da auf ihrem Stuhl - aber gleichzeitig weigerte sich alles in mir, diesen Anblick als real zu erkennen. Damit nicht genug, hatte ich ein Gefühl, als wäre ich gerade kurz eingenickt gewesen - und obwohl mir die Szene unmittelbar und brutal vor Augen stand, konnte ich sie weder wahrnehmen, noch mich an sie erinnern."
Finns Stimme war nicht laut, aber emotionsgeladen bis zum Überschlagen. "Ich konnte mich nicht einmal mehr an Astrid erinnern! Obwohl sie tot neben mir auf ihrem Stuhl hing! Das ist doch wie im übelsten Wahnsinn!
Statt dessen reimte sich mein dämliches Normalogehirn eine waghalsige Geschichte zusammen, dass man gerade einfach gemütlich zusammengesessen und über alte Zeiten geratscht hätte. Der Schleier lässt eben keinen Platz für sterbende Frauen. Sogar zwei meiner Freunde am Tisch hatte ich verdrängt - sie waren bei der Aktion wohl ins Grenzland gerutscht. Das müssen Sie sich mal vorstellen! Zwei Leute, die ich Jahrzehnte lang gekannt habe - einfach von einem Moment auf den anderen vergessen und gestrichen. Und Astrid. Tot. Tot und vergessen. Begraben im Grenzland, zugedeckt vom Schleier." Für einen Moment hing Finn mit einem Echo von Entsetzen und Schmerz in den Augen seinen Gedanken nach.

"Ich verstehe Ihre Betroffenheit, Herr Steinmeier." in Sinas Stimme lag ein wenig echtes Mitgefühl, dann überwog jedoch ein Unterton der Neugier. "Trotz aller Erläuterungen sind bislang aber zwei doch ziemlich wichtige Fragen offen geblieben - und eine nicht unbedingt ganz so wichtige.
Erstens: Warum ist Frau Kirchner denn jetzt gestorben - ich weiß, Geborene tun das gelegentlich, aber erfahrungsgemäß haben sie immer einen Grund dafür. Zweitens: Was ist mit dem Ding in den Karten? Sie haben doch sicherlich eine Lösung für das Problem gefunden, Herr Fiedler, sonst hätten sie nicht so vollmundig von der Sache erzählt. Und drittens: Wenn Sie sich darüber beklagen, dass der Schleier Ihnen die erste Erfahrung mit dem Sterben an der Grenze geraubt hat - bei welcher Gelegenheit sind sie denn dann eigentlich ins Grenzland gekommen, Herr Steinmeier?" Mit fragender Mine lehnte sie sich zurück und ignorierte Finns entrüstete Blicke.
Fiedler eilte sich zu antworten. "Nun, meine Dame, so einfach sind die Antworten nicht zu trennen. Ich will mal einen ganzheitlichen Ansatz versuchen - auch wenn dabei das ein oder andere Detail unter den Tisch fällt.
Bei dem 'Ding in den Karten', wie Sie es so schön formuliert haben, handelte es sich um eine ziemlich mächtige Wesenheit, die an einen bestimmten Ort hauste war - ein recht stattliches Hünengrab übrigens. Wie so viele kultisch/magische Orte muss das Grab wohl im Laufe der Zeit verblasst und aus dieser Welt über die Grenze hinaus in die Ödnis gerutscht sein, wodurch das Wesen zu einem Anderweltler wurde. Wenn ich mich recht erinnere teilt es dieses Schicksal mit ziemlich vielen verblassten Götzen und Göttern ...
Jedenfalls schien das Wesen, das sich selbst übrigens als 'das Orakel' bezeichnete, offenbar über ziemlich beachtliche seherische Fähigkeiten zu verfügen - oder aber die Realität so verbiegen zu können, dass seine Vorhersagen auch zutrafen, so genau kann man das ja nie sagen. Irgendwann muss es wohl einem Grenzgänger gelungen sein, das Orakel an ein Tarot-Deck zu binden, so dass dessen Fähigkeiten mit den Karten verknüpft waren. Natürlich war die betreffende Ex-Gottheit nicht besonders glücklich über dieses Arrangement und versuchte ihrerseits aus dem Deal auszusteigen.
Im Prinzip passte mir dieses Vorhaben ja ganz gut in den Kram, denn ich sollte ja auch tunlichst dafür sorgen, dass das 'Ding in den Karten' aus unserer Welt verschwindet. Kurz gefasst: Irgendwann hatten wir die Leute auf dem unseligen Theatergruppentreffen soweit, dass alle ihre Karten auf den Tisch gelegt hatten" - Fiedler grinste fröhlich ob des Kalauers - " und der einzige Weg, sie endgültig loszuwerden war, die Karten dem Orakel zurückzugeben und zu vernichten. Zufälligerweise ... nun, so viel Zufall es eben geben kann, wenn man mit schicksalskräftigen Wesen spielt ... zufälligerweise hatten wir sogar die Möglichkeit, durch ein Tor in der Nähe in die Ödnis und sogar in die Nähe des Orakels zu gelangen.
Soweit war der Plan ganz gut. Womit wir aber nicht gerechnet hatten war, dass sich uns plötzlich ein Großteil der Normalos auf dem Treffen anschloss, um mitzukommen - in die Ödnis. Im Prinzip nicht mein Problem - vom Paradox mal abgesehen - aber den wenigsten war es klar, dass sie mit der Aktion auch nach ihrer Rückkehr auch nach ihrer Rückkehr in diese Welt kein vollwertiger Teil der Normalität mehr sein würden. Ein Schritt in eine Anderwelt wie die Ödnis ist ein endgültiger Schritt durch den Schleier." Mit Blick auf den ihn grollend anstarrenden Finn setzte er hinzu: "Nein, Herr Steinmeier, Sie können mir nicht vorwerfen, dass ich Sie nicht mehrfach gewarnt hätte.
Das Orakel zeigte sich allerdings zu einem Handel bereit: Jeder, der ihm eine Karte zurückgab, konnte auf eigenen Wunsch nicht nur in die Realität zurückkehren, sondern verlor darüber hinaus all sein Paradox und seine Erinnerung an Grenzdinge. ... Ja, meine Werteste, die Macht hinter dieser Fähigkeit hat auch mich überrascht. Auf alle Fälle gingen die meisten der 'Mitgekommenen' auf diesen Vorschlag ein - wobei Herr Steinmeier hier eine der Ausnahmen war.
So. Nun will ich Ihnen aber auch noch ihre Kernfrage beantworten - oder vielmehr nicht beantworten: Warum Frau Kirchner starb wissen wir nicht genau. Was wir wissen ist, dass die Lehrerin damals bei dem Bunkerunglück nicht einfach ums Leben kam, sondern dass sie irgendwie mit dem Orakel ins Geschäft kam. Demnach gehen wir davon aus, dass als Astrid Kirchner ihre medialen Fühler nach ihr ausstreckte, sie auf irgendeine Art und Weise mit dem Orakel selbst in Berührung kam - das dann einfach kurzen Prozess mit ihr machte." Zufrieden mit seinen Ausführungen schnappte sich seinen Drink, fläzte sich entspannt in seinen Sessel und ließ seinen Blick zwischen Sina, Steinmeier und der Bühne hin und her wandern.
Sina zog die linke Augenbraue hoch und zeigte Fiedler ihr Raubtierlächern. "Nun ... da gilt es offenbar noch eine Menge Informationen einzuholen. Ein Punkt interessiert mich aber doch gleich noch: Ist es zu gewagt zu fragen, warum Sie an der Grenze bleiben wollten, Herr Steinmeier?"
Finn sah sie aus tiefen düsteren Augen an. "Nie wieder vergessen!"

To top

8 Untertöne

Trommelschläge füllten den Raum. Wie das erste verhaltene Donnergrollen eines Hitzegewitters rollte eine Welle pochender Tonsalven durch die Jungle Lounge und schwemmte mit ihrer anschwellenden Präsenz die abrupt verklingende Reggea Hintergrundmusik gleichsam davon.

Überrascht fuhr Finn Steinmeier herum, während sich weder Sina und Fiedler die Blöße gaben, eine Miene zu verziehen. Die Quelle der pulsierenden Rhythmen war schnell ausgemacht: Eben die Frau, die sich zuvor im Schatten des Ecktisches aufgehalten hatte, stand nun auf der Bühne, umgeben von einer Reihe von Schlaginstrumenten unterschiedlicher Form, Größe und Machart und bearbeitete diese mit ihren bloßen Händen. Ihre Augen waren zu schmalen Schlitzen verengt, die Pupillen geweitet und ihr ganzer Körper bebte die durch ihre Hände geformten Rhythmen mit, vor und nach.

"Wow!" Finn sah zu seinen beiden Tischnachbarn und stutzte "Ok. Lassen Sie mich raten - Sie kennen das alles schon, haben darauf gewartet und sind eigentlich gelangweilt?" Er gab sich nicht einmal Mühe, Frustration und Ironie zu verbergen.

"Na ja, " offenbar versuchte Fiedler etwas beschwichtigend zu wirken "das kann ich so nicht sagen, Herr Steinmeier. Natürlich ging ich davon aus, dass die Dame dort" - er wies auf die Bühne - "heute wie jede Woche die Bühne an sich reißt, bevor später die eigentliche Live-Musik anfängt. Schließlich bin ich hier, um mich mit ... ahm ... wie drücke ich's am besten aus? ... um mich mit den beiden zu treffen. Allerdings muss ich zugeben, dass mich die Auftritte von Madame jedes Mal auf's Neue beeindrucken. Unglaublich, was sie da hineinlegt..."

Wie auf's Stichwort beschleunigte sich der Puls der Trommelklänge und ein neues Muster fügte sich in die bestehenden Rhythmen ein, dann noch eines und noch eines. Schweigend sahen die drei Grenzgänger zu, wie sich Schweißperlen auf der Stirn der dunkelhäutigen Trommlerin bildeten.

"Sie kennen die Dame also, Herr Fiedler?" Sina wirkte skeptisch "Darf ich erfahren, was sie darstellt? Eine Informantin? Eine weitere für den Auftrag wichtige Person? Ihre ursprüngliche Abendgestaltung, der sie absagen wollen? In letzterem Fall müsste ich Ihnen einen ziemlich guten Geschmack bescheinigen..." Ein freches Funkeln blitzte in ihren Augen.

"Zerbrechen Sie sich doch einfach ein bisschen den Kopf über meine Vorlieben und den Satz: Die Dame ist eine wertvolle Quelle von Informationen, über die sie nicht verfügt. - Vielleicht ein bisschen wie Frau Kirchner." Fiedler stand auf und zurrte sich seine Lederjacke zurecht. "So. Ich gehe jetzt Zigaretten holen."

Finn stutzte "Äh ... aber .. rauchen Sie?"

"Nein."

Grinsend und gelassen stapfte Fiedler davon ins bunte Zwielicht des Lokals.

Als er etwa zehn Minuten später wieder mit höchst zufriedenem Gesichtsausdruck an den Tisch zurückkehrte hatten Sina und Finn noch kein Wort miteinander gewechselt. Statt dessen schienen beide völlig in die wirbelnden Klangmuster der auf der Bühne tobenden Schlagzeugerin vertieft zu sein - Steinmeier starrte mit leicht glasigen Augen zur Quelle der Trommelquelle, während Sina vergnügt lächelnd sich in ihrem Sitz mit den Rhythmen mitwippte.

"Na, Herr Fiedler, hat der Automat Ihnen jetzt gegeben, was sie wollten?"

Fiedler grinste, zog eine Zigarettenpackung aus seiner Tasche und sah sie fast schon triumphierend an.

"Sieht so aus!"

Mit einem flugs aus der Tasche gezogenen kleinen Klappmesser entfernte er flugs die Plastikverpackung und machte sich daran die Steuerbanderole von der Papphülle zu pulen. Einen Moment lang sah ihm Sina zu, dann begann sie mit einem kurzen Seitenblick auf den immer noch apathisch wirkenden Finn: "Nachdem wir beide gerade ja unter uns zu sein scheinen - was genau haben Sie mit Steinmeier vor? Er soll als Ankerpunkt für eine Verknüpfung dienen, so viel ist mir klar. Warum schleppen Sie ihn aber hier her und lassen ihn von der Magie dieser Trommlerin in Trance versetzen? Waren Sie sein selbstmitleidiges Geschwätz leid? Wie ist der Plan?" und mit einem ironischen Unterton fügte sie hinzu: "Wissen Sie, ich wäre durchaus dazu bereit, Sie bei Ihrem Vorhaben zu unterstützen..."

Ohne von seiner Messerarbeit aufzusehen, zog Fiedler eine Grimasse. "Ja, Ihre Weisheit ist unbestreitbar. Steinmeier ist gerade vollkommen weggetreten - wie übrigens jeder ungeschützte Grenzgänger hier drin - und er soll uns später als Ankerpunkt dienen. Allerdings fürchte ich, dass wir ihn mitnehmen müssen, damit wir dem 'Faden' zwischen ihm und Frau Kirchner entsprechend folgen können. Es wäre also ganz gut, wenn er in einem Stück verbleiben würde. Die Sache mit der Trance tut aber eigentlich nichts zur Sache - wenn ich den Berichten von ein paar Freunden trauen kann, die die Show ..." er gestikulierte mit der rechten Hand zur Bühne "... ebenfalls ohne Schutz miterlebt haben, ist das Gefühl dabei definitiv nicht unangenehm - und Sie haben Recht: Jammern kann er dabei auch nicht. Derzeit warte ich darauf, dass Madame mit dem Trommeln aufhört und an ihren Tisch zurückkehrt. Ich würde Sie dann bitten, Steinmeier noch einen Moment bei der Stange zu halten, während ich hinübergehe und mir die unwichtige Information einhole, wo denn die Kirchner eigentlich abgeblieben ist."

"Sagte Sie nicht, Meister Unbehaun hätte sicherlich schon alle Medien und 'andere Leichenschänder' befragt? Wieso meinen Sie, diese 'Madame' könnte das besser?"

"Nun wissen Sie, Madame Lestrange weiß vieles - aber ich stimme Ihnen zu, dass sie wahrscheinlich von Astrid Kirchners Tod und Aufenhalt keine Ahnung hat, aber ... nun ja ... wie will ich das erklären ..."

Genauso jäh, wie es begonnen hatte, erstarb das Dröhnen der Trommeln auf der Bühne, wo die Künstlerin nun schnell atmend und schweißgebadet doch reglos hinter ihren Schlaginstrumenten stand, die Hände zur Decke gereckt. Unwillkührlich sah Sina hinüber - und ungläubiges Erstaunen zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab, während ein fremdartig und stark nach leisem Fluchen klingendes Wort ihren Lippen entfuhr.

Fiedler wirkte ebenfalls leicht überrascht. "Oh, Sie kennen sich?"

Nachdem Sina keine Anstalten machte zu antworten, wanderte Fiedlers Blick wieder zurück zur Bühne. Über den gereckten Körper der Trommlerin, deren Haut dort wo er nicht in bunte etwas jenseits der aktuellen Mode angesiedelte Kleidungsstücke gehüllt war, vor Schweiß wie nasses Ebenholz glänzte lief ein Schauer. Beginnend auf der Höhe ihrer Brust setzte sich ein seltsam kontrolliert wirkendes Zucken fort - auf der einen Seite in Richtung von Bauch und Beinen und nach oben hin durch eine grotesk elegante Wellen- und Drehbewegung ihres Halses, weiter betont durch das Hin- und Herpeitschen ihrer langen schwarzen von dünnen geflochtenen Zöpfen durchzogenen Haarpracht.

Als ihr Leib wieder zur Ruhe gekommen war, hatte sich ihr gesamter Ausdruck verändert: An Stelle der grazil eleganten Körpersprache war nun eine zwar fließende, aber seltsam übertrieben überzeichnete Gestik getreteten, die einem Straßenpantomimen zur Ehre gereicht hätte. Auch ihre Haltung war - wenngleich immer noch aufrecht - anders, stolzer und aggressiver geworden. Ein grimassenhaftes Grinsen zog sich über ihr Gesicht, sie ließ ihre Hände sinken, wandte den Blick nach unten und schien für einen Moment ihren Körper zu betrachten, bevor sie völlig unvermittelt mit einer schlacksigen und doch gelenken Bewegung von der Bühne sprang.

Gerade als Fiedler aufstehen und ihr entgegengehen wollte, wandte sich die Gestalt vor der Bühne ihm zu, legte den Kopf schief und deutete eine Verbeugung an - nur um dann mit selbstsicheren breiten Schritten schnurstracks auf den Tisch zuzukommen, an dem er mit Sina und Finn saß. Langsam und irgendwie gequält sickerte wieder der Klang der Reggearythmen aus den Lautsprechern, jetzt wo die "Live"-Musik verstummt war und auch Steinmeier schüttelte kurz den Kopf, als wolle er einen Anflug von Müdigkeit vertreiben.

Kurz bevor die Gestalt der dunkelhäutigen Frau bei drei angekommen war, griff sie sich mit einer nebensächlichen Geste einen noch unberührten Cocktail von einem der Tische, schnippte mit den Fingern die Dekoration (Schirmchen und Ananasscheibe) auf den Boden und nahm ohne innezuhalten einen Schluck aus dem Glas. Mit offensichtlichem Missfallen kniff Fiedler die Augen zusammen:

"Das ist nicht gut! Wir sollten die Sache erledigen, bevor er zu viel getrunken hat!"

"Er?" völlig perplex starrte Steinmeier ihn an, doch da war die Frau auch schon bei ihnen angekommen und nahm mit einer weitschweifenden Bewegung breitbeinig am Tisch Platz. Noch vor irgendjemand etwas sagen konnte, funkelte Sina ihr neues Gegenüber an und ihre Stimme vibrierte vor Anspannung und Intensität. "Ghede! Baron Samedi! Wie nett! Ich sehe, der Tod kommt auch in diesem Jahrhundert auf dem Rücken seiner Jünger!"

Das fratzenhafte Grinsen der dunkelhäutigen Frau wich einem betont bis übertrieben jovialen Gesichtsausdruck, dann antwortete sie mit überraschend männlich wirkender Stimme: "Die Freude ist ganz meinerseits, Shih'anha! Wie läuft denn das Geschäft als böser Geist? Haben sich Deine Schützlinge immer noch nicht ausrotten lassen?"

Für einen Augenblick schien es, als würde die Luft zwischen den beiden Frauen spannungsgeladen flirren und knistern, dann war es Fiedler, der sich räusperte: "Ahem ... Ich gehe doch davon aus, dass alle der Anwesenden professionell genug sind, um alte Fehden liegen zu lassen - die Sache scheint ja schon eine ganze Weile her zu sein, wenn ich Ihre Andeutungen richtig interpretiere?"

Sina schürzte die Lippen. "Da mögen Sie recht haben. Schließlich ist Samedi Ihr Kontakt und meine Angelegenheit mit ihm ist ... eher persönlicher Natur. Von meiner Seite her räume ich dem Geschäft den Vorrang ein - wie sieht's mit dir aus, Baron?"

Anstelle einer Antwort erschallte trockenes, herzhaftes aber irgendwie groteskes Gelächter aus dem weit geöffneten Mund der als 'Baron Samedi' adressierten Frau - das aber auch abrupt wieder verklang. "Gut. Ich bin schließlich dafür bekannt, Dinge beenden zu können - wenn ich sie nicht wieder aufstehen lassen will." Irgendetwas in seiner/ihrer Stimme sagte aus, dass der letzte Halbsatz mehr Bedeutung in sich trug, als es offensichtlich war und Sina verzog angewidert das Gesicht.

"Dann zum Geschäft! Sie wären nicht hier, Fiedler, wenn Sie nicht die Schuld einlösen wollten, die meine liebe Madame Lestrange bei mir hat! Was wollen Sie von einem armen alten Loa wie mir?" Während dieser Worte produzierte er/sie aus einer Falte ihres/seines Gewandes eine schmale, aggressiv wirkende, schwarze Sonnenbrille, die er/sie sich mit einer behenden Bewegung auf aufsetzte. Dann lehnte sie/er sich auffordernd nach vorne, stützte seinen/ihren linken Ellbogen auf den Tisch auf, legte das vorgereckte Kinn auf die ausgestreckte Handfläche ab und sah Fiedler mit zusammengekniffenen Augen herausfordernd an.

Völlig ungerührt von dem Gehabe seines Gegenübers griff Fiedler in die Tasche und zog ein etwas mitgenommenes Photo einer blonden jungen Frau heraus, das er dem 'Baron' vor die Augen hielt. "Um es geradeheraus zu sagen: Ich bin auf der Suche nach dieser Person. Sie heißt Astrid Kirchner und ist vor ein paar Monaten mehr oder weniger verstorben. Offenbar ist niemand in der Lage, Verbindung mit ihrem Geist aufzunehmen und deswegen wende ich mich an Sie, Baron Samedi, und bitte hiermit um Einblick in etwas, das zu Ihrem Herrschaftsgebiet gehört. Betrachten Sie das als angemessenen Handel?"

Für einen Moment entspannte sich der fratzenhaft grinsende Mund des Barons, um einen weiteren Schluck aus dem Cocktailglas zu nehmen - ohne den Kopf dabei von der stützenden Hand zu heben - dann legte sich die immer noch schweißnasse Stirn der dunkelhäutigen Frau in Falten, als sie/er die Augenbrauen abwägend hochzog. "Einblick! Einblick ist wie eine Frau nur anstarren aber nicht anfassen zu dürfen!" Ein unverholen zweideutiger Blick traf die vollkommen ungerührte Sina. "Gibt es nichts interessanteres, was ich für Sie tun kann, Fiedler? Ewige Verdammnis vielleicht - oder Wiederkehr?"

Finn, der das ganze Gespräch mit wachsendem Unverständnis verfolgt hatte, konnte nicht mehr an sich halten: "Wiederkehr? Was soll das heißen?"

Samedi neigte seinen/ihren Kopf zur Seite und kniff verschwörerisch ein Auge zu. "Nach was klingt es denn? Ein Tipp. Derzeit ist sie tot - so ziemlich."

"Und Sie können sie wieder lebendig machen? Einfach so?"

Jetzt schaltete sich Sina mit eindringlicher Stimme in das Gespräch ein: "Lassen Sie doch Fiedler die Verhandlungen führen, Herr Steinmeier ... niemand tut hier etwas einfach so."

"Aber Sie haben doch gesagt, dass Sie Astrid wieder ins Leben zurück holen wollen!" In Finns Stimme lag eine Mischung aus Unverständnis, Aufbegehren und Verzweiflung, während Samedis Grinsen immer breiter wurde: "So so, wollen Sie das? Nun, Herr Steinmeier?" Sie/er machte eine kurze Pause, um das Glas zum Mund zu führen und blickte dann Finn plötzlich tief in die Augen. "Wollen Sie das vielleicht auch? Was wäre es Ihnen denn ... wert?"

Finn öffnete den Mund, wie um etwas zu sagen, schloss ihn dann aber wieder und schluckte fast schmerzhaft. Bevor er sich eine Antwort überlegen konnte, ergriff Fiedler souverän das Wort. "Mein lieber Baron, ich möchte ja nicht unhöflich erscheinen, aber das Geschäft läuft zwischen Ihnen und mir - oder besser zwischen Madame Lestrange und mir. Wenn Sie im Anschluss gerne Herrn Steinmeier in den Tod, Ruin oder ähnliches treiben möchten, steht Ihnen das natürlich frei - allerdings ist mir die Angelegenheit um Frau Kirchner viel zu wichtig, als dass ich sie mit den Fehlern eines Neulings im Grenzland zunichte machen möchte."

Für einen Augenblick herrschte Stille am Tisch (durchtränkt von den diffusen Reggearythmen im Hintergrund), bis sich Samedi schließlich von seinem 'Opfer' ab- und Fiedler zuwandte. Seine/ihre Stimme hatte viel von ihrem jovialen Humor verloren und klang nach kaltem Rauch, Grab und Galgen. "Gut. Wie sagt ihr so schön? Ein Geschäft ist ein Geschäft ist ein Geschäft ist ein Geschäft - und ich werde bestimmen, wie tief der Einblick ist, den ich Ihnen gewähre. Was wollen Sie also wissen?"

"Was ist mit Astrid Kirchner passiert, als sie offensichtlich starb - und wo und in welchem Zustand ist sie jetzt?"

Samedi riss die Augen der Frau weit auf, so dass ihr leuchtendes Weiß im bunten Halbdunkel der Dschungellounge gespenstisch aufleuchtete und mit einem Mal war auch wieder das breite irrsinnig wirkende Grinsen auf ihrem/seinem Gesicht: "Die Antworten sollen Sie haben, Herr Fiedler, sehen Sie zu, dass Sie sie nicht ins Verderben führen!

Astrid Kirchner musste sterben, weil ihr Geist einem alten versteinerten Gott zu nahe gekommen war, der ihr kleines erbärmliches Leben zerquetschte wie eine lästige Schmeißfliege! Einfach so." Er/sie machte ein schnalzendes Geräusch mit der Zunge und schloss die Hand zur Faust, als würde er den Saft aus einer Zitrone drücken - ohne allerdings das beängstigend begeisterte Lachen aus dem Gesicht zu verlieren.

"Nicht genug damit, wollte diese halbzerfallene und vergessene Götterleiche auch noch ihre Seele verschlingen und an sich reißen - aber das konnte er nicht. Die Kirchner war zu stark, zu oft schon im Totenreich gewesen und von dort zurückgekehrt und sie entwand sich seinem Griff - doch hatte war sie den Weg bereits zu weit gegangen. Ihr Körper war tot, sie hatte die Kreuzung passiert und es gab kein Zurück - also musste sie bleiben wo sie war: begraben unter den steinernen Knochen des Gottes, der sie hatte verschlingen wollen."

Samedi nahm einen weiteren großen Schluck seines/ihres rötlich braunen Cocktails und leckte sich überbetont genussvoll die Lippen. Dann lehnte sie/er sich zurück und fixierte Fiedler mit amüsiert wahnsinnigem Blick. "War es das, was Sie wissen wollten, Herr Fiedler? - Ich hoffe es, denn mehr werden Sie nicht erfahren!" Erneut brach ein Lachen aus seiner/ihrer Kehle hervor, diesmal lauter und unbeherrschter als zuletzt, nur um abrupt zu enden, als sich das groteske Grinsen mit weit aufgerissenen Augen zu Steinmeier wandte. "Und nun zu uns, Finn Steinmeier! Was bietest du mir, wenn ich deine Freundin wieder zurückkommen lasse? Deine Seele kann ich nicht haben und will ich nicht - dein Körper ... spricht mich nicht an und deine Dienste ... na, was kannst du bieten?" Um die weit auseinandergezogenen Mundwinkel der Dunkelhäutigen spielte ein bösartiger Ausdruck, als sie/er sich an Finns kreidebleichem Gesicht weidete, auf dessen Stirn sich Schweißperlen bildeten.

Dann geschah etwas seltsames: Samedi blinzelte einmal, zweimal - dann sah er/sie sich mit einem leichten Anflug von Verwirrung um, als habe er etwas Wichtiges vergessen oder übersehen und griff schließlich mit etwas, das fast schon als Verlegenheitsgeste zu beschreiben war, zu seinem Cocktailglas und ihr/sein joviales Gehabe kehrte zurück. Ohne Seinmeier eines einzigen weiteren Blickes zu würdigen, konzentrierte er/sie sich wieder auf den gegenüber sitzenden leicht überraschten Fiedler.

"So, Herr Fiedler, wenn wir sonst nichts mehr zu besprechen haben - die Schuld meiner Houngan bei Ihnen ist wohl mehr als beglichen." Sie/er stand in einer schlaksigen Bewegung auf - nicht ohne sich dabei das Cocktailglas zu schnappen. "Ich für meinen Teil sehe damit den geschäftlichen Teil des Abends als abgeschlossen und suche mir weniger ... anspruchsvolle Begleitung" und mit einem Seitenblick auf Sina "- insbesondere solche, deren Fleisch echt und nicht manifestiert ist - Sie verstehen?" Ein anzügliches Zwinkern unterstrich den letzten Teil seiner/ihrer Worte.

Fiedler hatte sich reflexartig der Situation angepast und lächelte höflich. "Nur zu, Baron, die Geschäfte mit Ihnen und den Ihren waren wieder einmal zu meiner vollsten Zufriedenheit und es liegt mir fern, Sie vom Nachtleben abzuhalten! Ach ja - und grüßen Sie Madame Lestrange von mir, wenn Sie sie verlassen!"

Mit einer grotesk förmlichen Geste verneigte sich der Körper der Frau, während ihre/seine Augen über den Rand der Sonnenbrille hinweg Sina und Fiedler musterten. Dann drehte sich der Baron ruckartig weg und hielt mit großen Schritten auf einen Tisch mit einer allein sitzenden Person zu, von der im Halbdunkel nur der Schattenriss zu erkennen war.

"Das lief ja nochmal glatt." Fiedler zog skeptisch seine Augenbrauen hoch und sah der Silhouette des Barons hinterher. "Netter Trick, Steinmeier. Wirklich nett! Ich weiß zwar nicht genau wie, aber sie haben sich offenbar gerade irgendwie aus der Wahrnehmung eines leicht angetrunkenen Voodoo-Gottes entfernt - der Sie gerade nach Strich und Faden in Einzelteile zerlegen wollte. Ihre Gabe?" Er schnalzte anerkennend mit der Zunge. "Kein Wunder, dass Boris und seine Leute Sie so schnell aus den Augen verloren haben, als Sie die Schnauze voll hatten ..."

"Aber Sie ... also ... wieso geht er und Sie ... sehen mich noch?" Auf Finns Gesicht stand Verwirrung und noch etwas Schweiß.

Sofort verwandelte sich der anerkennend verwunderte Ausdruck des Detektivs in ein hämisches Grinsen: "Ach wissen Sie, Ihre Tricks funktionieren bei mir einfach nicht - und wenn ich bedenke wie aufmerksam unsere schöne aber schweigsame Tischgesellin der Unterhaltung geschweige denn den Ereignissen gefolgt ist, dürfte sie auch nicht von ihren Fähigkeiten betroffen sein."

Die angesprochene Sina stellte erneut ihr feines, leicht arrogantes Raubtierlächeln zur Schau. "Nun ja, es mag für mich von Vorteil sein, nicht im sterblichen Fleisch eines willigen Anhängers gefangen zu sein - auch wenn er dadurch sicherlich viel mehr Vergnügen an seinem Cocktail haben kann ... Aber wenn ich schon dabei bin: Wenn ich aus meiner Erfahrung mit Ghede - oder Samedi oder was-auch-immer - sprechen darf, dann sollten wir jetzt gehen. Das Getränk, das er da hatte stank erbärmlich nach billigem Rum und bevor er das intus hat, möchte ich möglichst viel Abstand zwischen uns bringen."

Fiedlers Gesicht wurde sofort ernst. "Sie meinen, er könnte seine Professionalität vergessen und sich stattdessen an alte Geschichten erinnern?"

"So etwas in der Art. Allerdings ist er auch sonst unerträglich im betrunkenen Zustand."

"Dann gehen wir wohl - bezahlt habe ich schon." Behende erhob sich Fiedler aus seinem Stuhl und sein Blick forderte Steinmeier auf, das selbe zu tun. "Wollen Sie immer noch mitkommen, Herr Steinmeier? Nur weil Sie sich vor mir nicht verstecken können heißt das nicht, dass ich Sie zu etwas zwingen will. Es gibt vielleicht nicht viele Gesetze an der Grenze - aber Anstand hat auch hier seinen Platz."

Für einen Moment zögerte Finn, dann stand er etwas unbeholfen auf und griff nach seiner Jacke. "Nein. Ich komme mit Ihnen. Erstens möchte ich nicht in einem Raum mit diesem ... was haben Sie gesagt? ... diesem Voodoo-Gott sein - betrunken oder nicht - und zweitens haben Sie mir ein Geschäft vorgeschlagen und ich habe vor es anzunehmen."

Er hielt kurz inne, kräuselte nachdenklich die Stirn und fragte mit Zweifel in der Stimme: "Voodoo-Gott?"

Fiedler nickte. "Ein Loa. So eine Art makabere Verkörperung des Sterbens. Der personifizierte schwarze Humor. Ich weiß, das ganze gehört in einen Südsee-Karibik-Piratenfilm oder zumindest in sowas wie James Bond - aber Madame Lestrange ist eine ziemlich gute Houngan, eine Voodoo-Priesterin, die sich von ihren Göttern in Besitz nehmen lassen kann ... und typischerweise ist am Freitagabend ein guter Zeitpunkt für den Baron."

"Voodoo so mit Wachspuppen, Untoten und so?" Ungläubig schüttelte Finn den Kopf.

"Genau so."

"Aber der Cocktail, den er getrunken hat..."

Fiedler grinste. "Ja, genau. Ein Zombie. Samedi mag Details ..."

To top